Kreis Anzeiger – „Orleshausen kein rechtsradikales Nest“

An die 30 Bürger kamen am Sonntag zur Kundgebung gegen Rechtsextremismus und zur Mahnwache für Opfer rechtsextremer Gewalt auf den Dorfplatz in Orleshausen, darunter Vertreter der Büdinger Politik und des Orleshäuser Ortsbeirats. Zur Demonstration aufgerufen hatten die Mitglieder der Antifaschistischen Bildungsinitiative e.V. (Antifa-BI) unter der Leitung von Andreas Balser. Den Dorfplatz in Orleshausen habe man bewusst für die Demonstration gewählt, da nur wenig entfernt in einem Gasthof regelmäßig Tagungen und Vorträge der hessischen NPD stattfänden. Unter dem Leitspruch: „Kein (Frei-)Raum für die NPD“ wurde aufgefordert, sich gegen Rechtsextremismus zu wehren und den Kampf um Demokratie zu unterstützen.

Rechtsextreme Parteien erhielten bei der Hessenwahl mehr als 40000 Stimmen. Die NPD habe in Büdingen sowie in vielen Kommunen der Ost-Wetterau Wähler hinzugewonnen und hier auch ihr hessenweit stärkstes Ergebnis eingefahren, so Balser.

Die Region um Büdingen sei Hochburg der NPD in Hessen. In Büdingen hatte die NPD ein Wahlergebnis von 3,5 Prozent und wurde in Orleshausen drittstärkste Partei. In der Hoffnung, dass sich auch in Büdingen Protest erhebe, rief Balser die Bürger auf, sich gegen „neonazistische Umtriebe“ zu wehren und für Demokratie und Toleranz einzutreten. „In Büdingen soll kein Raum für Neonazis sein“, betonte er und überreichte jedem Anwesenden eine „weiße Rose gegen braune Gewalt“ in Anlehnung an die gleichnamige Widerstandsbewegung im Dritten Reich.

Balser händigte auch Flyer vom „Beratungsnetzwerk Hessen“ aus, das sich als mobile Intervention gegen Rechtsextremismus verstehe. Rechtsradikalismus und Rechtsextremismus würden im Alltag unterschiedlich wahrgenommen, sagte Bürgermeister Erich Spamer. Zwar habe es öffentliches Entsetzen über die Verbrechen der Terrorzelle NSU gegeben, doch leider würden die Taten von vielen auf einzelne Kriminelle reduziert. Beängstigend finde er, dass heute schon in Teilen der Jugendszene das „rechte Denken“, dessen Mentalität und die Zugehörigkeit zu rechtsextremen Gruppen zum Alltag gehörten. Die Demokraten müssten handeln und dies nicht als Sektierertum abtun. „Wir wollen keine Rechtsradikalen, weder in Büdingen noch in Hessen oder Deutschland“, sagte Spamer. Landtagsabgeordnete Lisa Gnadl betonte, es sei schockierend, dass die NPD bei den Wahlen so zulegen konnte. Vielen seien im Wahlkampf die menschenverachtenden Parolen gegen Sinti, Roma oder Migranten aufgefallen, leider sei man im Kampf gegen jene Wahlplakate nicht erfolgreich gewesen, die Parolen seien offen toleriert worden. Sie wünschte sich die Abschaffung der Extremismusklausel, die Projekte gegen Rechtsextremismus verhindere und darüber hinaus genug Landesmittel, um den Kampf gegen Rechtsextremismus stärker auszubauen.

Ortsvorsteherin Hana Schwenger und Mitglieder des Ortsbeirats betonten, dass Orleshausen kein rechtsradikales Nest sei. Die Einstellung vieler Leute: „Ich bin zwar kein Nazi, aber Politik ist mir egal“, sei gefährlich. Man müsse Fragen stellen wie und wo der Rassismus beginne, welcher Hass gegen Immigranten und Andersartige sich ausbreite, oder warum man als Gastwirt die Tagungen und Vorträge der NPD in seinen Räumen überhaupt zulasse. Alle bedankten sich bei Balser für die Kundgebung und bei den Bürgern für den Mut, an der Kundgebung teilzunehmen. Eva-Marleen Christoph von der „Grätsche gegen Rechtsaußen“, einem Verein zur Förderung demokratischen Bewusstseins in Echzell, erzählte, der Verein habe mit nur wenigen Leuten angefangen, doch dann seien es immer mehr geworden. „Habt den Mut und zeigt Gesicht“, so Christoph.

 

© Kreis Anzeiger  23.10.2013

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