Archiv der Kategorie: Presseberichte


Frankfurter Rundschau – Rechtes Vergnügen

Im Prozess gegen den rechtsradikalen „Schlitzer“ Patrick W. werden frühere Urteile verlesen. Und so entsteht ein recht detailreiches Bild vom Freizeitverhalten des gemeinen Rechten zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Wer nicht dabei war, weiß schlechterdings nicht, wie sich Partys und sonstige Aktivitäten in Patrick W.s Hofreite gestalteten. Mittlerweile aber, nach elf Verhandlungstagen, mehreren Dutzend Zeugenaussagen und der Vorlage von Beweismitteln können sich auch Andersgesinnte ein Bild davon malen, womit sich die rechtsextreme Szene der Wetterau offenbar so vergnügt hat.

Mit Drogen, vorzugsweise mit Amphetamin, aber auch mit Ecstasy, Kokain und Crystal Meth; mit Waffen und Ballereien im eigens dafür eingerichteten Schießraum; mit tätowierten Hakenkreuzen, SS-Parolen und KZ-Motiven; mit Musik, die, wie Staatsanwältin Yvonne Vockert bemerkte, nicht von Justin Bieber stammte; mit Partys in einem als „Brausebad“ deklarierten Raum, in dem aus Duschköpfen Kunstnebel auf die Tanzfläche geströmt sein soll.

 

 © Frankfurter Rundschau  28.11.2012

 

Frankfurter Neue Presse – Sieben Jahre für den „Schlitzer“?

Sieben Jahre und vier Monate Haft hat die Staatsanwaltschaft für den als „Schlitzer“ bekannt gewordenen Rechtsradikalen Patrick W. aus Echzell gefordert. In ihrem fast zweistündigen Plädoyer stellte sie den 27-jährigen Echzeller als „arrogant, unbelehrbar und im Umgang mit den Behörden als uneinsichtig“ dar.

Die Vielzahl seiner einschlägigen Vorstrafen ließe es nicht zu, trotz seiner Geständnisse am Ende des Verfahrens seine Straftaten als minderschwer einzustufen. Zwar seien von den 65 Anklagepunkten zu Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz 23 inzwischen fallengelassen worden.

Doch die restlichen Verstöße gegen dieses Gesetz sowie gegen das Waffen- und Kriegswaffengesetz und die Vorwürfe wegen Beleidung und das öffentliche zur Schaustellen von verfassungsfeindlichen Symbolen reichte der Staatsanwältin, das hohe Strafmaß von über sieben Jahre Haft zu fordern. Ausschlaggebend für die Höhe der Strafe sei auch die Tatsache gewesen, dass sich W. trotz seiner Einlassung zum Schluss des Verfahrens weiterhin uneinsichtig zeige und auch heute nach 15 Verhandlungstagen immer noch auf seinen menschenverachtenden Einstellung bestehen würde.

Strategie im Prozess

Die Staatsanwaltschaft unterstellt dem Angeklagten, seine Bereitschaft zur Aufklärung von Straftaten Dritter nur aus prozessstrategischen Motiven erklärt zu haben. Das belege auch die Tatsache, dass er vom Landeskriminalamt, an das er sich zur Aufnahme in das Programm des „Informations- und Kompetenzzentrums für Ausstiegshilfen aus dem Rechtsextremismus“ (kurz Ikarus) gewandt hatte, aufgrund seiner persönlichen Grundeinstellung abgelehnt wurde.

Ganz anders sah dies der Verteidiger des Angeklagten, Jürgen Häller. Für ihn habe sich W. während der Verhandlungsdauer stark verändert. Aus dem anfangs selbstsicheren und teilweise überheblich auftretenden Angeklagten sei zum Ende des Prozesses ein stiller, ernsthafter Mann geworden, der im Laufe des Verfahrens einen „persönlichen Total-Crash“ erfahren habe. Seine Existenz sei kaputt, die Ehe zerbrochen und alle Freunde hätten ihn mittlerweile verlassen.

Makabrer Partygag

Auch hinsichtlich des Partyraums in seinem Anwesen in Echzell, in dem Brauseköpfe für eine Vernebelungsanlage angebracht waren und den die Staatsanwältin Yvonne Vockert deshalb als „Gaskammer“ bezeichnete, wollte die Verteidigung nur einen „makabren Partygag“ sehen. Rechtsanwalt Häller forderte deshalb für seinen Mandanten lediglich vier Jahre und fünf Monate. Und auch den Besitz der beiden Maschinenpistolen und der Revolver sowie der Munition nannte Häller einen unglücklichen Zufall, keinesfalls aber gezieltes Handeln, um damit eine Straftat zu begehen.

Nach den Plädoyers nutzte W. die Gelegenheit zu einer Stellungnahme. Darin entschuldigte er sich für seine Gesetzesübertretungen und versprach, nach der Haft ein neues Leben beginnen zu wollen. Das Urteil soll am kommenden Montag verkündet werden.

© Frankfurter Neue Presse  28.11.2012

 

Frankfurter Rundschau – Drogen, Waffen, Volksverhetzung

15 Tage wurde gegen den rechtsradikalen „Schlitzer“ verhandelt. Nun endlich scheint seine abstruse Existenz in Echzell öffentlich dargelegt. Anklage und Verteidigung gehen zu ihren Plädoyers über. Sieben Jahre Haft sind die Forderung der Staatsanwaltschaft.

Nach 15 Verhandlungstagen, etwa sechzig Zeugenaussagen, der Vorlage etlicher Beweismittel und mehreren Einlassungen des Angeklagten hat die Staatsanwaltschaft am Montag „keinen Zweifel mehr“, dass Patrick W. die ihm in der Anklageschrift zur Last gelegten Taten auch begangen hat. Nachdem einige Verfahren der sieben für den Prozess am Landgericht Gießen zusammengefassten Anklagen eingestellt worden sind, bleiben am Ende der Hauptverhandlung noch drei große Komplexe übrig: Drogen, Waffen und politische Straftaten. Staatsanwältin Yvonne Vockert fordert eine Gesamtfreiheitsstrafe von sieben Jahren und vier Monaten.

Nach seinem ersten Kontakt mit Drogen im August 2010 habe W. „in kurzer Zeit sein Drogengeschäft ausgeweitet und perfektioniert“. Als „Waffennarr“ habe W. diverse Waffen – vom Schießkugelschreiber bis zur Maschinenpistole – besessen und im Beisein von Freunden damit geschossen, etwa im eigens dafür eingerichteten „Schießzimmer“ in seiner Hofreite in Echzell.

„Kein Kick“

„Keinen Zweifel“ hat Vockert in ihrem Plädoyer auch daran, dass der 27-Jährige, der sich „Schlitzer“ nennen lässt und als Chef der braunen Truppe „Old Brothers“ gilt, in „der rechten Szene verwurzelt ist“. 2003 sei er diesbezüglich erstmals aktenkundig geworden. „Wer das so lange betreibt, kann das nicht mit der Suche nach einem Kick begründen.“ Damit weicht die Staatsanwaltschaft von dem vorige Woche eingebrachten psychologischen Gutachten ab, demzufolge W. keine „feste NS-Ideologie“ vertrete, sondern vieles getan habe, weil es verboten war, und um „Anerkennung in gewissen Kreisen zu gewinnen“.

Doch allein seine „Gaskammer-Partys“, seien, so Vockert, „weit über das hinausgegangen, was den Vorwurf der Volksverhetzung“ erfülle. Mit den Duschköpfen an der Decke, aus denen per Knopfdruck Kunstnebel strömte, und dem an der Tür angebrachten „Brausebad“-Schild habe W. in seinem Partyraum „ganz gezielt ein Szenario“ geschaffen, um ein „schreckliches historisches Ereignis als Party-Gag zu benutzen“.

Urteil am 3. Dezember

Von einem „makabren Party-Gag“ spricht auch W.s Verteidiger Jürgen Häller, weist allerdings darauf hin, „dass es viele Menschen gibt, die zu verschiedenen Themen eine makabre Einstellung haben“. Dies sei noch kein Grund, von einer Gesinnung auszugehen, die das Strafmaß nach oben treibe. Überhaupt fehle der Forderung der Staatsanwaltschaft die „Verhältnismäßigkeit und Angemessenheit“, vor allem angesichts der Aufklärungshilfen, die W. geleistet habe. Zahlreiche Ermittlungsverfahren hätten eingeleitet werden können, weil W. ausgepackt habe und etwa Namen von Drogenabnehmern und -händlern genannt habe – mit der Folge, dass der seit März in Haft sitzende 27-Jährige nun „keine Freunde“ mehr habe. Häller hält eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und fünf Monaten für angemessen. Mit einem Urteil wird für den 3. Dezember gerechnet.

© Frankfurter Rundschau 28.11.2012

 

Wetterauer Zeitung – Patrick Wolf drohen über sieben Jahre Haft

Im Prozess gegen Patrick Wolf sind am Montag am Landgericht Gießen die Plädoyers gehalten worden. Die Staatsanwaltschaft will den 27-Jährigen wegen diverser Drogendelikte, Verstößen gegen das Waffenrecht, Volksverhetzung und Beleidigung für sieben Jahre und vier Monate hinter Gitter bringen

In den 15 Verhandlungstagen, die der Prozess gegen Patrick Wolf mittlerweile andauert, hat sich der Angeklagte stark verändert. Aus dem anfangs so selbstsicheren jungen »Macher«, der sich auf rhetorische Duelle mit Richtern, Staatsanwälten und Zeugen einließ, ist ein stiller, ernsthafter Mann geworden. Das gab auch sein Rechtsanwalt Jürgen Häller in seinem Plädoyer zu bedenken. Es sei ein »Total-Crash«, den der Angeklagte im Zuge des Verfahrens erlitten habe. »Hier ist ein Kollateralschaden entstanden, der ein Ausmaß hat, das man sich nicht vorstellen kann.«

Die Freunde hätten den Angeklagten verlassen, seine Ehe liege in Trümmern, sein Haus werde zwangsversteigert, zählte der Verteidiger auf. Alles nur, weil Wolf sich schlussendlich doch dazu durchgerungen habe, mit dem Gericht zusammenzuarbeiten. »Seit Herr Wolf sein Wissen offenbart hat, will niemand mehr etwas mit ihm zu tun haben.« Die von der Staatsanwaltschaft geforderte Freiheitsstrafe von sieben Jahren und vier Monaten sei daher mehr als unverständlich. »Sie sehen mich entsetzt, über das Strafmaß, dass Sie heute gefordert haben«, sagte Häller. Angesichts der Aufklärungshilfe, die sein Mandant geleistet habe – 23 Ermittlungsverfahren wurden aufgrund seiner Aussagen eröffnet – und der letztlich doch noch erfolgten Einlassungen, dürfe die Freiheitsstrafe nicht höher als vier Jahre und fünf Monate ausfallen.

Zuvor hatte Staatsanwältin Yvonne Vockert in ihrem Plädoyer dargestellt, dass es an der Schuld des Angeklagten bezüglich der ihm zur Last gelegten Drogendelikte, den Verstößen gegen das Waffenrecht und Kriegswaffenkontrollgesetz, der Beleidigung und Volksverhetzung »keinen Zweifel« gebe. Zwischen Ende 2010 und Mitte 2011 hätte der Angeklagte einen regen Handel mit Amphetamin, Crystal-Meth und Ecstasy betrieben. Geschnappt wurde er schließlich, als er mit seinem »Geschäftspartner« nach einer Beschaffungsfahrt von der Polizei gestellt wurde. 4,5 Kilogramm wurden damals aus den Niederlanden mitgebracht. Sein Partner von einst ist mittlerweile rechtskräftig verurteilt, wobei Rechtsanwalt Häller der Staatsanwaltschaft vorwarf, mit zweierlei Maß zu messen. So hätten sein Mandant und dessen Partner für dasselbe Vergehen eine vollkommen andere Schuldzumessung erhalten.

Die Staatsanwaltschaft und Verteidigung waren sich insbesondere in der Bewertung der Glaubwürdigkeit eben jenes »Geschäftspartners« uneinig. Im Prozess gegen den »Schlitzer« war er der Hauptbelastungszeuge. Während Vockert keinen Grund sah, warum der Mann Wolf unnötig hätte belasten sollen, erklärte Häller, die Zeugenaussage sei »der größte Blödsinn gewesen, den ich je in einer Hauptverhandlung gehört habe«.

Was Wolfs mutmaßlich rechtsextreme Gesinnung betraf, gingen die Bewertungen im ähnlichen Maße auseinander. Vockert erklärte, der Angeklagte sei »uneinsichtig und unbelehrbar« in seiner politischen Einstellung. Nicht nur, dass Wolf weder die klar rechtsextreme Tätowierung auf seinem rechten Arm entfernen lassen wolle, auch die sogenannten »Gaskammerpartys« würden »von der Intensität weit über das hinausgehen, was man gemeinhin unter Volksverhetzung versteht«. In den Augen der Staatsanwältin sind klare Parallelen zu den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten erkennbar, Rechtsanwalt Häller hingegen wollte die Apparatur nur als »makabren Partygag« verstanden wissen.

Die Staatsanwaltschaft machte Wolf in Bezug auf die Anklage wegen Waffenbesitz zum Vorwurf, dass er nicht bei der Auffindung der Waffen mitgeholfen hätte. Häller hielt seinem Mandanten zugute, dass er nicht versucht hätte, in den Besitz der Waffen zu kommen. Es sei ein »unglücklicher Zufall« gewesen, dass er die Waffen erhalten habe.

Der nutzte die Gelegenheit zur Stellungnahme am Ende der Verhandlung und entschuldigte sich für die Vergehen. Das Urteil soll kommende Woche verkündet werden.

© Wetterauer Zeitung 27.11.2012

 

NH24.de – Mehrjährige Haftstrafe für Neonazi gefordert

Im Prozess gegen einen Neonazi aus Echzell im hessischen Wetteraukreis hat die Anklage am Montag eine Haftstrafe von sieben Jahren und vier Monaten gefordert. Staatsanwältin Yvonne Vockert sah es nach dem Ende der Beweisaufnahme als erwiesen an, dass sich der 26-jährige Betreiber eines Tätowierstudios des mehrfachen Drogenhandels, der Volksverhetzung, der Beleidigung sowie Verstößen gegen das Waffenrecht und das Kriegswaffenkontrollgesetz schuldig gemacht hat.

Die Verteidigung gab sich am 25. Verhandlungstag vor dem Landgericht Gießen entrüstet über das geforderte Strafmaß. Der Rechtsanwalt des Angeklagten, Jürgen Häller, erklärte in seinem Plädoyer, dass er eine niedrigere Freiheitsstrafe von vier Jahren und fünf Monaten für schuldangemessen halte. Dies gelte nicht nur, da sein Mandant sich weitestgehend geständig gezeigt habe und dank seiner Aussagen insgesamt 23 Ermittlungsverfahren gegen Lieferanten und Abnehmer für Drogen eingeleitet werden konnten. Hinzu komme, dass der Geschäftspartner des Angeklagten, mit dem dieser zusammen zweimal insgesamt 6,5 Kilogramm Amphetamin aus den Niederlanden eingeführt hatte, mit einem deutlich milderen Urteil davon gekommen sei.

Gegen den 27-jährigen Rechtsextremisten aus Echzell wird seit August verhandelt. Er soll laut Staatsanwaltschaft zwischen Ende 2010 und Sommer 2011 in der Wetterau mit chemischen Drogen, vor allem Amphetamin gehandelt haben. Außerdem soll er mehrere Waffen illegal besessen haben, darunter auch zwei vollautomatische Maschinenpistolen.

Der Angeklagte, dem auch Volksverhetzung zur last gelegt wird, soll laut Staatsanwaltschaft in seiner Hofreite in Echzell-Gettenau wiederholt Partys in einem Keller veranstaltet haben, der Ähnlichkeit mit Gaskammern in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern gehabt haben soll. Weitere Punkte der ursprünglichen Anklage, darunter mehrere Fälle von Körperverletzung, gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr und Verstoß gegen das Kunst- und Urheberrecht waren aus prozessökonomischen Gründen eingestellt worden.

© nh24.de 26.11.2012

 

Kreis Anzeiger – Staatsanwaltschaft fordert über sieben Jahre Haft für Echzeller

Plädoyers dauern dreieinhalb Stunden – Urteil gegen 27-Jährigen wird am Montag erwartet

„Abscheuliche rechtsradikale Gesinnung“: Dreieinhalb Stunden plädierten Staatsanwaltschaft und Verteidigung am Landgericht für ihre jeweilige Sicht der Dinge. Mit ihrem Antrag, einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren und vier Monaten, machte Staatsanwältin Yvonne Vockert den Verteidiger „fast sprachlos“. Jürgen Häller plädierte für „vier Jahre und fünf Monate allerhöchstens“.

Seit Mitte August muss sich Jürgen Hällers Mandant, der in den vergangenen Jahren als Neonazi und Waffennarr von sich Reden gemacht hatte, vor der Siebten Strafkammer verantworten. Ihm werden vor allem Drogenhandel, Verstöße gegen das Waffengesetz und Volksverhetzung vorgeworfen.

Die Drogengeschäfte und seine Affinität zu Waffen hält die Staatsanwältin für „gefährlich“, seine „abscheulichen Tattoos“ auf den Oberarmen, seine Partys, bei denen Duschköpfe Partynebel versprüht haben und die als „Gaskammerpartys“ in den Ermittlungsakten aufgetaucht waren, für „menschenverachtend“. Aber bevor sich die Anklagevertreterin den Details widmete, warf sie die Frage auf, wie es „überhaupt sein kann, dass ein junger Mann sein Verhalten nicht ein einziges Mal überdenkt“, obwohl sich die Polizei seit Jahren intensiv mit ihm beschäftige. „Weil es ihm offensichtlich Spaß macht, mit den Beamten Katz und Maus zu spielen.“ Weil er gern damit prahle, zu Hause, in Erwartung einer der zahlreichen Durchsuchungen, legale Munition zu verstecken, „damit die Polizei überhaupt etwas findet“. So habe es der Angeklagte selbst gesagt. Niemandem sei verborgen geblieben, dass er Hunderte von Leuten um sich geschart und etliche junge Menschen in der Wetterau nicht wenig beeindruckt habe. Aber das mache ihn nicht weniger gefährlich, denn nicht alles sei „mit der Suche des Angeklagten nach dem Außergewöhnlichen“ zu erklären. Nicht der rasante Einstieg ins Amphetamingeschäft, den der 27-Jährige im Sommer 2010 hingelegt und in kürzester Zeit perfektioniert habe: Fahrten nach Polen und Holland, Streckmittel, rosafarbenes Amphetamin; er „wollte seinen Abnehmerkreis mit ganz irren Ideen vergrößern“. Auch die Schießerei im eigens dafür eingerichteten „Schießzimmer“ sei nicht allein mit ein bisschen Interesse an Waffen und Angeberei vor den Freunden zu erklären. Und vor allem seine rechtsradikale Gesinnung gründe nicht nur auf dem Bedürfnis, sich in Szene zu setzen und zu provozieren. Da stecke mehr dahinter. Wie sonst sei zu erklären, dass der Echzeller Partys veranstaltet habe, die offensichtlich an die Vergasung der Juden im Zweiten Weltkrieg erinnern sollten. Die Staatsanwältin führte auch die Motive der Tattoos auf seinem Oberarm an, die ihm noch immer gefallen. „Nicht zu vergessen“ sei zudem, dass der Angeklagte im Internet Handel getrieben habe mit Hakenkreuzen und Doppelsiegrunen auf T-Shirts und Fahnen.

Der Verteidiger wirft Vockert vor, seinem Mandanten „nie eine Chance gegeben“ zu haben. Er wolle nichts verharmlosen, halte die Feiern im „Brausebad“ aber für nicht mehr als einen „makabren Partygag, eine Party mit Beigeschmack“. „Nebelmaschinen gibt es schließlich in jeder Diskothek.“ Der Antrag der Staatsanwältin sei unverhältnismäßig. Schließlich sei der Freund des Angeklagten – beide waren bei der Rückkehr aus den Niederlanden mit rund vier Kilo Drogen im Gepäck festgenommen worden – mit weniger als drei Jahren davon gekommen. Was sein Mandant auch immer gemacht habe, er habe eine etwaige rechte Gesinnung aber nicht nach außen getragen. Und allein darum gehe es bei der angeklagten Volksverhetzung. Für die eigenen Arme beispielsweise „hat er immer einen schwarzen Edding dabei gehabt“. Außerdem sei bei der Strafe zu berücksichtigen, dass in den vergangenen Wochen „ein ganz anderer Mann herangewachsen ist, reifer und zugänglicher“, der irgendwann hoch verschuldet aus dem Gefängnis komme und „mit dem niemand, nicht einmal seine eigene Frau, noch etwas zu tun haben will“.

Auch beim Vorwurf der Beleidigung sind sich Staatsanwältin und Verteidiger nicht einig. „Du Zecke“ soll der Angeklagte zu einem Beamten gesagt haben, als der mit einer (Party-)Verbotsverfügung auf dem Anwesen des 27-Jährigen aufgetaucht war. „Nur, weil Du dich aufführst wie eine Zecke“, will der Angeklagte gesagt haben. Häller sieht darin – zumindest für Juristen – viel Spielraum, eine Beleidigung zu verneinen.

Am Montag wird das Urteil erwartet.

 

 © Kreis Anzeiger 27.11.2012

 

Kreis Anzeiger – Gutachter: Eine narzisstische Persönlichkeit

Über Monate hinweg hat sich der Echzeller über „das dumme Geschwätz“ seiner früheren Freunde aufgeregt. Er hat ihre Zeugenaussagen auseinandergenommen und entlarven wollen, dass die, die sich „um mich geschart haben, wie die Motten ums Licht“, aus ihm „den großen Bösen machen, um selbst besser wegzukommen“. Jetzt hat der 27-Jährige selbst den Mund aufgemacht. Viel bringen wird ihm das nicht. Warum sich überhaupt so viele junge Menschen aus der Wetterau um den Mann gedrängt haben, weiß der psychiatrische Gutachter im Prozess am Landgericht: „Renitent, intelligent und immer vorne mit dabei.“

Seit Mitte August muss sich der Mann, der in den vergangenen Jahren als Neonazi und Waffennarr von sich Reden gemacht hatte, vor der Siebten Strafkammer verantworten. Neben Drogenhandel und Verstößen gegen das Waffengesetz werden ihm auch Volksverhetzung und das Verwenden verfassungswidriger Kennzeichen vorgeworfen.

„Wie soll es weitergehen mit den Drogen, mit den Waffen, mit den früheren Bekannten?“, will der Vorsitzende Richter Dr. Dietwin Johannes Steinbach wissen. „Rückzug aus allem und von allen“, sagt der Angeklagte. Er ist überzeugt, dass das ein Leichtes sei, „wenn man sowieso von allen gehasst wird“. Um „den ganzen Scheiß zu beenden“, habe er jetzt auch den Mund aufgemacht. Bestimmt 20 Namen sind am 14. Verhandlungstag gefallen. Und zu jedem Namen der aufs Gramm genaue Amphetaminbedarf.

Zwar würden die Richter am Ende berücksichtigen, dass er jetzt versucht habe, Licht in die Wetterauer Drogenszene zu bringen. Für Aufklärungshilfe, die die Strafe mildert, kämen Namen und Mengenangaben allerdings zu spät, sagt Steinbach. Strafmilderungsgründe psychiatrischer Natur gibt es auch nicht. Trotz regelmäßigen Amphetaminkonsums sei der 27-Jährige nie süchtig gewesen, erklärt der psychiatrische Sachverständige Hans-Herrmann Höll. In den Augen des Arztes ist der Angeklagte „einer, der immer alles unter Kontrolle hatte, eine narzisstische Persönlichkeit“, die an Drogen und Waffen am allermeisten interessiert habe, dass sie sich „eignen, um sich in Szene zu setzten und zu provozieren“.

„Wie soll es weitergehen mit Ihrer politischen Einstellung?“, will Steinbach auch wissen. Der Mann, der in einen Partyraum, an dessen Tür ein Schild mit der Aufschrift „Brausebad“ den Gästen den Weg wies, zu „Gaskammerpartys“ eingeladen haben soll, der NS-Symbole auf seinen Oberarmen tätowiert hat und der in seinem Tattoostudio rund 100 den Holocaust verleugnende Tätowiervorlagen für spezielle Kunden vorrätig hatte, hält die Antwort vage. „Ich bin kein Ausländerhasser, aber an seiner Grundeinstellung kann ein Mensch nichts ändern.“ „Keine feste NS-Ideologie“, sagt auch der Arzt. Tattoos mit NS-Emblemen, Fahnen und T-Shirts, die im Internet zum Verkauf angeboten worden waren, seien mehr „schmückendes Beiwerk eines Narzissten gewesen und wie alles andere auch geeignet, um zu provozieren“.

Der Prozess geht nun dem Ende entgegen. Etliche Punkte der ursprünglich sieben Anklagen werden voraussichtlich eingestellt werden. Das hat Staatsanwältin Yvonne Vockert beantragt. Nicht, weil sie überzeugt wäre, dass es antisemitische Tattoovorlagen nicht gegeben oder dass der Echzeller seinen Nachbarn nicht kaum bekleidet gefilmt und das Video ins Internet gestellt habe. Sondern weil diese mutmaßlichen Taten an der Höhe der Strafe nichts ändern werden. Die richtet sich nämlich vor allem nach den Verstößen gegen das Betäubungsmittel- und das Waffengesetz. Am kommenden Montag wird der Prozess fortgesetzt. Voraussichtlich werden Staatsanwaltschaft und Verteidigung dann plädieren.

© Kreis Anzeiger 21.11.2012

 

Wetterauer Zeitung – Patrick Wolf »voll schuldfähig«

Am 14. Verhandlungstag gegen Patrick Wolf hat die Strafkammer am Landgericht Gießen die Beweisaufnahme beendet. Ein Schusswaffenexperte gab Auskunft über Wolfs Revolver und Maschinenpistole. Erstmals sprach Wolf detailliert über die Kunden bei seinen Drogengeschäften.

Das psychiatrische Gutachten bescheinigt Wolf eine »narzisstische Persönlichkeit«.

Der Prozess gegen Patrick Wolf neigt sich dem Ende entgegen. Von seinen Freunden und Verwandten, die zu Beginn des Prozesses noch zahlreich im Zuschauerraum vertreten waren, kam am Dienstag nur noch der Vater. Was der Angeklagte ausgesagt hat, werden die ehemaligen Freunde dennoch früher oder später erfahren. Staatsanwältin Yvonne Fockert schrieb fleißig mit, als Wolf detailliert über die knapp ein Dutzend Abnehmer berichtete, denen er Amphetamin, Crystal-Meth und Ecstasy-Tabletten verkauft habe. Noch vor wenigen Wochen hatte Wolf mit einigen der Genannten durch die Trennscheibe zwischen Verhandlungs- und Zuschauerraum gefeixt – damit ist es scheinbar vorbei. »Ich will komplett mit der ganzen Scheiße abschließen und aus diesem Dunstkreis rauskommen«, sagte der Angeklagte.

Dass Wolf diese »Aufklärungshilfe« bei dem zu erwartenden Urteil groß helfen wird, darf bezweifelt werden. Viel zu spät seien die Einlassungen gekommen, so der Vorsitzende Richter Dr. Dietwin Steinbach. Denn nicht nur bei seinen Drogengeschäften hatte Wolf lange mit der Wahrheit hinter dem Berg gehalten; auch den Besitz mehrerer Waffen stritt er lange ab. Auch hier räumte Wolf nun ein, mehrere Schusswaffen sowie Munition als Pfand für einen Privatkredit erhalten zu haben. Ein Sachverständiger des Landeskriminalamts bewertete für das Gericht die erst kürzlich gefundenen Waffen, darunter ein Revolver, eine Maschinenpistole und ein Schießkugelschreiber.

Außer dem Bericht des Schusswaffenexperten wurden auch Wolfs Vorstrafen eingeführt, insgesamt neun Einträge zählt sein Register. Wiederholt war der Betreiber eines Tätowierstudios in Gettenau durch Gewalttaten aufgefallen, mehrfach wurde er bereits wegen Körperverletzung verurteilt. Die erste Tat des 27-Jährigen datiert aus dem Jahr 2001 und hängt ihm noch bis heute nach. Ihr verdankt er seinem Spitznamen »Schlitzer«, nachdem er im Verlauf einer gewaltsamen Auseinandersetzung einem Anderen ein Messer in den Hals gestochen hatte. Es folgten weitere Verurteilungen wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung und nicht zuletzt wegen Volksverhetzung und der Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole.

»Ich bin kein Ausländerhasser«

Doch Wolf will unter all das einen Schlussstrich ziehen, versicherte er den Richtern. »Keine Waffen mehr« und »keine Drogen«. Mit der rechten Szene hätte er schon längst abgeschlossen. 2004 sei er aus der NPD ausgetreten, seit 2007 habe er keine rechtsradikale Demo mehr besucht, den Verkauf von T-Shirts mit SS-Runen und Keltenkreuzen habe er 2008 eingestellt. »Ich bin kein Ausländerhasser«, versuchte er dem Richter zu erklären, der aber wenig überzeugt wirkte. Immerhin trägt der Angeklagte ein Tattoo, das einen Wehrmachtssoldaten zeigt, der auf einen Davidstern am Galgen schießt.

Laut psychiatrischen Gutachten passt das zur »narzisstischen Persönlichkeit« Wolfs. Wie der Sachverständige Dr. Hans-Hermann Höll darlegte, sei das Gesellschaftsbild des Angeklagten »diffus« und folge »keiner klaren Ideologie«. Wolf setze die menschenverachtenden Bilder als Mittel der Provokation ein und versuche, damit Aufmerksamkeit zu erhalten – die Folge einer komplizierten Kindheit. Wolf sei drei Jahre alt gewesen, als die Eltern sich scheiden ließen.

Der mit einem IQ von 137 überdurchschnittlich intelligente Junge habe seit seiner Kindheit versucht, im Mittelpunkt zu stehen. Er sei trotz schulischer Probleme mehrfach Klassensprecher gewesen. Früh sei ADHS diagnostiziert worden, allerdings nicht behandelt. Wolf habe die Schule wegen zahlreicher Probleme zunächst ohne Abschluss verlassen, auch eine Lehre zum Gas- und Wasserinstallateur habe er abgebrochen. Später habe er sich mehrfach selbstständig gemacht. Nicht nur aus finanziellen Gründen habe dann der Handel mit Drogen begonnen. »Herr Wolf hat es genossen, sich in diesem Dunstkreis zu bewegen«, sagte Höll.

Obwohl der Angeklagte regelmäßig Drogen konsumiert habe, sei er zu jedem Zeitpunkt Herr der Lage gewesen. Sowohl in Bezug auf seine Drogengeschäfte als auch die waffenrechtlichen Delikte sei er sich der Strafbarkeit der Handlungen stets bewusst gewesen. »Eine Schuldunfähigkeit oder Gründe für eine Schuldminderung sehe ich daher nicht«, schlussfolgerte der Gutachter.

 Nächste Woche stehen die Plädoyers an, das Urteil wird für 3. Dezember erwartet.

 

© Wetterauer Zeitung  21.11.2012

 

Mittelhessen Bote – Noch besteht Aufklärungsbedarf

{gallery width=150 height=100 alignment=left-float  padding=4}pics/preisverleihungbfdt{/gallery}Auf dem rechten Auge blind: Spätestens mit der Aufdeckung der Zwickauer Terrorzelle wurde der Politik die Gefahr durch gewaltbereite Neonazis wieder gewahr, die von den Sicherheits- und Geheimdiensten des Bundes und der Länder wohl allzulange unterschätzt wurde. Im Wetteraukreis sorgte zuletzt der Prozess um den Kopf der rechtsextremen Vereinigung „Old Brothers“ für mediale Aufmerksamkeit. Die Beweisaufnahme im Prozess dokumentierte, dass auch in unserer Umgebung die Gefahr von rechts real ist. Eine Podiumsdiskussion im Büdinger Heuson-Museum bot zumindest Ansätze zum Umgang mit dem allgegenwärtigen Thema Rechtsextremismus. Wenn gleich sich auch hier zeigte, dass die Rechten an vielen Fronten kämpfen, auch an der juristischen.

Für den Kreispressesprecher Andreas Elsaß war der Nachmittag stressig: Nicht nur, weil er die Organisation für die Podiumsdiskussion zum Thema Rechtsextremismus in der Wetterau innehatte, sondern vor allem auch, weil er gerade erst grünes Licht aus Gießen bekam: Das Verwaltungsgericht hatte einer einstweiligen Anordnung stattgegeben, die es dem Kreis als Veranstalter gestattete, Anhänger rechten Gedankenguts von der Veranstaltung fernzuhalten.

Der Kreis war vorbereitet. Einige NPD-Anhänger, unter ihnen der Büdinger Stadtverordnete Daniel Lachmann, hatten sich zur Veranstaltung angemeldet. Auch für den Fall, vor dem Verwaltungsgericht zu scheitern, war der Veranstalter gerüstet: Notfalls sollte die Diskussion zu Gunsten einer alternativen Veranstaltung kurzerhand umgewidmet werden. Und der Kreis tat gut daran, schließlich versuchte Lachmann, unter anderem Geschäftsführer der NPD-Hessen, sich mit einem weiteren Rechtstitel Zugang zur Veranstaltung zu verschaffen. So ging die Gesprächsrunde letztendlich als Fachtagung mit der Humanistischen Union als Gastgeber vonstatten.

Es sprachen Andreas Balser von der Antifaschistischen Bildungsinitiative Wetterau (Antifa Bi), Angelika Ribler von der Sportjugend Hessen, der CDU-Landtagsabgeordnete Tobias Utter, Bundestagskandidat Stefan Lux (SPD) und Erster Kreisbeigeordneter Helmut Betschel-Für den Echzeller Verein „Grätsche Linz, Eva-Marleen Christoph und A gegen. Pflügel (Grüne) über den Umgang mit rechtsextremen Strukturen.

Rechte Musik als Lockmittel

Im Ergebnis: Gerade unter Jugendlichen sei Rechtsextremismus auf dem Vormarsch. Viele kämen unbewusst mit dem Thema in Berührung. Beispielweise verleite Musik aus der Szene, allmählich eine rechtsextreme Haltung anzunehmen. Das geschehe unbewusst: Texte würden nicht richtig verstanden und führten dennoch dazu, dass Jugendliche eine rechtsextreme Haltung annehmen. Das sei schließlich der Zeitpunkt, an dem sich die Jugendlichen von den Parolen der NPD begeistern ließen und von den Mitgliedern der rechten Szene abgefischt, sprich angeworben werden.

Dabei spiele auch der Altersdurchschnitt innerhalb der demokratischen Parteien eine Rolle. In der NPD fänden sich weitaus mehr Jüngere wieder, als in den demokratischen Parteien. Deshalb, so die Forderung der Diskussionsteilnehmer, sollte mehr Zeit und Geld in Bildung und Jugendarbeit investiert werden. Denn während früher in der Familie viel über Politik gesprochen wurde, sei dies heute stark zurückgegangen, müsse diese Arbeit heute in den Schulen geleistet werden.

„Es ist wichtig, dass man zum Beispiel bei den Texten rechtsextremer Musik Aufklärungsarbeit leistet“, meint Andreas Balser von der Antifa Bi. Die Musik diene häufig als Einstiegsdroge in die Szene. „Zwischen 10 und 20 Prozent der Jugendlichen hören diese Musik und denken sich nichts dabei“, gibt der Erste Kreisbeigeordnete Helmut Betschel-Pflügel zu bedenken. Doch die Aufklärungsarbeit zeige vermehrt Wirkung: Viele Jugendliche hätten Interesse an der Arbeit von Initiativen gegen Rechtsextremismus oder engagierten sich bereits selbst gegen rechts.

Ausländerfeindlichkeit weit verbreitet

Ein weit verbreitetes Phänomen liegt indes jenseits der extremistischen Sphäre: die Ausländerfeindlichkeit. Viele Menschen, die nicht der rechtsextremen Seite angehören, finden, dass in Deutschland zu viele Ausländer leben. Dabei handele es sich, so Angelika Ribler von der Hessischen Sportjugend, um die Mitte der Gesellschaft — fast 50 Prozent der Deutschen empfänden dies so.

Für die Ursprünge dieser Tedenz hatte der Christdemokrat Tobias Utter zumindest eine Erklärung: „Ausländerfeindlichkeit ist eine Störung in der Persönlichkeit und resultiert aus verdrängten Ängsten.“ Die Menschen sollten dazu angehalten werden, sich zu fragen, wie viele der ausländischen Mitbürger tatsächlich unangenehm auffallen.

Vor allem das Thema Asylbewerber ist ein heißes Eisen: Auch wenn die Mitte der Gesellschaft nicht rechtsextrem sei, die weit verbreitete Feindlichkeit sei sehr bedenklich, meint Angelika Ribler. Viele Kommunen weigerten sich zum Beispiel, Asylbewerber aufzunehmen. „Man muss den Bürgern klar machen, dass jeder eine humanitäre Vri pflichtung gegenüber den Asylbewerbern hat“, pflichtet ihr der SPD-Bundestagskandidat Stefan Lux bei. Letztendlich haben, wohl beide Seiten eine Bringschuld: Sowohl Deutsche als auch Ausländer seien gehalten, aufeinander zuzugehen und sich mit der jeweils anderen Kultur zu beschäftigen, wie der Erste Kreisbeigeordnete Helmut Betschel-Pflügel ergänzte.

Auch war sich die Runde darüber einig, dass die Zusammenarbeit zwischen einzelnen Kommunen im Kampf gegen Rechtsextremismus verbessert und ausgebaut werden müsse. Die Kooperation des Kreises mit der Antifa Bi oder auch der Sportjugend Hessen biete erste Ansätze, wie die Fachtagung gezeigt habe. Aktionen auf Bundesebene seien nicht genug, um umfassend zu informieren und Verbesserungen zu erreichen. Auch auf Landesebene müssten diese Bemühungen, so Ribler, ausgebaut werden.

Die Podiumsdiskussion erinnerte nicht zuletzt an die Ereignisse während der Reichspogromnacht 1938. Willi Luh, Ehrenvorsitzender des Geschichtsvereins Büdingen, rief den Zuhörern ins Gedächtnis, wie eine Büdinger Jüdin diese Schreckensnacht erlebte: Sie wurde damals von den Bürgern durch die Festungsstadt getrieben, bis sie ein Polizist schließlich in Schutzhaft nahm. Nicht zuletzt deswegen seien solche Fachtagungen wichtig. Und auch die Verleihung des Bundespreises für Demokratie und Toleranz, dotiert mit 2.000 Euro, an den Verein „Grätsche gegen Rechtsaußen“ aus Echzell – eben jenem Ort, in dem auch der Kopf der rechtsextremen „Old Brothers“ wohnt – zeigt, dass längst nicht alle bereit sind, Gewalt von rechts hinzunehmen.  

 

 © Mittelhessen Bote 21.11.2012

Kreis Anzeiger – „Zeigen, dass die Demokratie wehrhaft ist“

Geblieben ist die Erinnerung an die johlende Menge. Willi Luh war am 9. November 1938 dabei, als ein Metzgergeselle zur Jagd auf eine Jüdin blies. Etwa 15 Menschen schlossen sich dem Metzger an und jagten die vierfache Mutter durch die Schlossgasse, bis schließlich ein Lehrer eingriff und die Frau in Schutzhaft nahm. Wenige Tage später verließen die verängstigten Juden, es waren damals etwa 150, Büdingen. Die meisten zogen in Richtung Frankfurt und später nach Amerika. „Sie fühlten sich mit Büdingen sehr verbunden.“ Der Ehrenvorsitzende des Büdinger Geschichtsvereins plädierte dafür, dass in der noch erhaltenen Synagoge eine Gedenkstätte eingerichtet werden sollte.

Die Erlebnisse der Pogromnacht in Büdingen veranschaulichten, wie schnell sich aus einer Parole eine unkontrollierte und gewaltbereite Bewegung entwickeln kann. Die Fachtagung des Wetteraukreises im Zuge des XENOS-Projektes Hessen setzte genau dort an. Wie geht man mit rechtsextremen Strukturen um? Wie sensibilisiert und schützt man Jugendliche und sozial Schwächere? Wie ermutigt man sie, platte Parolen zu hinterfragen und nicht auf neu kreierte Definitionen der Geschichte hereinzufallen? In dem zweiten Teil, der von der „Humanistischen Union, Regionalverband Nord-Mittelhessen“ ausgetragenen Veranstaltung wurde zur Podiumsdiskussion eingeladen. Andreas Balser von der Antifaschistischen Bildungsinitiative Friedberg (Antifa-BI), Angelika Ribler von der Sportjugend Hessen, CDU-Landtagsabgeordneter und Präses des evangelischen Dekanats Wetterau, Tobias Utter, SPD-Bundestagskandidat Stefan Lux und Erster Kreisbeigeordneter und Sozialdezernent Helmut Betschel-Pflügel (Die Grünen) setzten sich mit den Ergebnissen der zuvor gebildeten Arbeitskreise auseinander.

Was könnte der von den Arbeitsgruppen viel geforderte „Runde Tisch“ zwischen Schule und Politik bedeuten? fragte Moderator Michael Elsaß den Sozialdezernenten Betschel-Pfügel. Bisher hätten die Bündnisse, ob in Friedberg, Echzell , Butzbach oder Büdingen, auf das Auftreten der Rechtsradikalen immer nur reagiert, entgegnete dieser. „Wir müssen es schaffen, dass wir eine flächendeckende Struktur in der Wetterau schaffen, um nicht Opfer der Rechtsradikalen zu sein, sondern um zu zeigen, dass diese Demokratie sehr wehrhaft ist.“ Also die begonnene Kooperation der Städte und Bündnisse weiter ausbauen.

Ein „Runder Tisch“ klingt für Stefan Lux abgedroschen. Eine Möglichkeit zum Austauschen zwischen den Kommunen böten beispielsweise Bürgermeisterdienstversammlungen. Lux erzählte aus dem Kreistag. Früher hätte man nicht auf die Anträge der NPD reagiert. Inzwischen sei man dazu übergegangen, dass sich eine demokratische Fraktion dazu äußere. Allerdings seien die Anträge der NPD inhaltslos und würden sich jährlich wiederholen.

Die Zusammenarbeit mit dem Wetteraukreis und den meisten Bürgermeistern lobte Andreas Balser von der Antifa-BI ausdrücklich. „Wir müssen in den nächsten Monaten dringend gemeinsam Strategien finden, um den Neonazis weitere Wirkungskreise und Rückzugsräume zu nehmen. Da muss schnell etwas passieren. Wir haben nicht alles erreicht, befinden uns aber auf einem guten Weg.

{gallery width=150 height=100 alignment=left-float padding=2}pics/preisverleihungbfdt{/gallery} Ein Beispiel für vorbildliche Zusammenarbeit zwischen den Organisationen: Die Vertreter des Echzeller Vereins „Grätsche gegen Rechtsaußen“ erhalten den Bundespreis für Demokratie und Toleranz im Wert von 2000 Euro für die Ausrichtung ihres Musikfestivals. Angelika Ribler (Sportjugend Hessen), Vereinsvertreter Manfred Linz, Eva-Marleen Christoph und Andreas Balser von der Antifa-BI (v.l.) zeigten in Büdingen stolz die Urkunde des Bündnis für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt (BfDT), die sich überreicht bekamen.

 © Kreis Anzeiger 13.11.2012