Archiv der Kategorie: Presseberichte


Frankfurter Rundschau – Vergasung als Partygag

Von Julia Müller

Zwischen römischen Zeichen und Wikingersymbolen hat Patrick W. auf dem Oberarm eine „88“ tätowiert. Im braunen Zahlencode steht das für „Heil Hitler“. In seinem Nacken blitzt ein „C18“ hervor. Es ist das Zeichen der neonazistisch-terroristischen Gruppierung „Combat 18“ (Kampf Adolf Hitler), die gewillt ist, politische Gegner auch mit Gewalt zu bekämpfen.

„Ich habe noch viel Schlimmeres tätowiert. Das hat aber nach außen hin niemand zu sehen“, sagt der 24-Jährige und lacht. Das tut er im Gespräch immer dann, wenn ihn seine eigenen Aussagen amüsieren oder er mehr von sich preisgibt, als er geplant hat. An seinem Hoftor in Echzell (Wetterau) pappt ein Sticker seiner Gruppe mit dem Symbol eines Totenkopfes, der an die Waffen-SS erinnert. Der Slogan darauf: „Wir gegen linke Willkür.“ Als Neonazi würde sich W. jedoch nicht bezeichnen: „Ich bin ein Old Brother, war früher ultrarechts und habe noch was von der Einstellung, die sich bei mir gegen linke Dummheit richtet.“ Old Brother, so heißt sein Tattoo-Laden.

Von der Polizei wird W. der rechtsextremen Szene zugeordnet. Er ist ihr wegen „einer Liste von Straftaten“ bekannt – unter anderem Körperverletzung und Volksverhetzung. Im Juli lenkte W. Aufmerksamkeit auf sich, als er das Video einer Attacke seiner Partygäste auf einen Nachbarn mit hämischen Kommentaren auf der Internetplattform „Youtube“ veröffentlichte. Zu sehen ist, wie eine Gruppe von etwa 15 Leuten den Nachbarn vor dem Haus von der Leiter zerrt und ihm Hose und Unterhose auszieht, nachdem er versucht hatte, die Überwachungskameras wegzudrehen, die W. auf sein Haus gerichtet hat.

W. hat nicht gern Menschen um sich, die er nicht kennt: „Ich lasse nur Leute an mich heran, die mich nicht nerven. Das ist eine Familie, die man sich da zusammenbaut“, sagt er. Seinen Eingang überwacht er mit Kameras. Enge Freunde sind mit ihrem Fingerabdruck am Hoftor registriert. Ansonsten darf ihn nur besuchen, wer zu seinen legendären Partys eingeladen ist. „Wenn du wegen Volksverhetzung auf den Deckel gekriegt hast und zehntausende Euro für den Anwalt zahlen musst, dann überlegst du.“

Es kursieren viele Gerüchte darüber, was sich hinter den Mauern seines sogenannten „Old Brothers Castle“ abspielt. Sein Hof, die größte Hofreite des Ortes, ist von Gebäuden umschlossen. Rechts vorne befindet sich sein Tattoo-Studio, dahinter der Partykeller, links das Wohnhaus, und in der Mitte des mit Hundekot übersäten Hofes steht ein alter Bierwagen.

Der 24-Jährige zeigt sich freundlich, hat eine derbe Sprache und eine rotzig freche Art. Er trägt T-Shirts mit provokanten Aufschriften wie das einer Ariel-Persiflage: „Alles sauber, alles rein: Arier“. Der Tätowierer mag es zu provozieren, gibt sich offen, nicht zu locker, dafür bestimmt.

Sein 20-jähriger Kumpel, der in W.’s Tattoo-Studio auf der Couch sitzt, wird unruhig, als die Fragen in seine Richtung gehen. „Wir sind nicht direkt Neonazis, aber wir teilen die Einstellung von denen“, antwortet er stotternd. Er will nichts erklären, das soll W. übernehmen. Und der mag keine penetranten Nachfragen, zum Beispiel, wenn es um seine Tätowierungen geht. Mit ein paar Witzen und einlullenden Monologen führt er das Gespräch dann in eine andere Richtung.

Die Szene setzt auf Symbolik – und auf markige Sprüche. Doch es sind die kleinen Details in seinen langatmigen Ausführungen, die Aufschluss über seine Ansichten geben. Gegen wen sich seine Wut richte? „Gegen alle, die nicht arbeiten“, antwortet W. „Ich halte mein Maul nicht, wenn mir was nicht passt. Linke Zecken stinken, sie studieren, und am Ende betteln sie und trinken Alkohol. Das ist nicht korrekt.“

„Brausebad“ steht am Disko- Raum, und aus Duschköpfen strömt weißer Nebel

Unterschiede macht der 24-Jährige bei Migranten. Einer aus seiner Gruppe sei Halb-Spanier, ein anderer habe sogar einen schwarzen Vater. „Wir machen da so unsere Späßchen, zum Beispiel wenn er an Fasching im Ku-Klux-Klan-Outfit herumrennt.“ Auch ältere Türken findet W. nicht so schlimm. Es seien die Jüngeren, die keinen Respekt vor Deutschland hätten. „Ich habe ja so einen Hass bekommen, weil ich die früher in der Klasse hatte.“ In W.’s Augen werden Deutsche mehr verfolgt als alle anderen. „Wenn ich kein Deutscher wäre, dann würde mir geholfen. In diesem Land heißt es: Sie sind Deutscher, sie können das selber machen.“

Moderne Rechtsextreme – W. ist einer von ihnen. Sie haben weder eine eindeutige politische Agenda, noch fühlen sich der in ihren Augen zu laschen NPD und deren völkischem Verständnis verbunden. Stattdessen trinken und essen sie sogenannten „Besatzerfraß“, tragen Hip-Hop-Klamotten und setzen weniger auf Inhalte als auf erlebnisorientierte Aktionen.

„Nach außen hin tritt W. als Kirmesschläger auf, der laute Feste mit vielen Gästen feiert und dort seine gleichgesinnten Kumpane um sich schart“, sagt Jörg Reinemer, Polizeisprecher des Polizeipräsidiums Wetterau über den 24-Jährigen. W. organisiert Ausflugsfahrten, Flatrate- und Kammerpartys.

Am Wochenende werde bei ihm mit viel Whisky gefeiert. „Im Normalfall haben wir ein paar Stripperinnen und anderen Krempel dabei oder bestellen ein paar Nutten, die Live-Sex-Shows machen. Da gehen schon mal 60 Jacky-Flaschen weg“, erzählt W. Gefeiert wird in der Partyscheune oder auf dem Hof. Die Gäste auf den Fotos, die sich über Seiten des sozialen Netzwerks „Wer kennt wen“ anmelden und aus dem Raum Friedberg stammen, sind nicht älter als Anfang bis Mitte 20.

„Brausebad“ steht in dicken Lettern an der neuen, silbernen Eingangstür zum kleinen Diskoraum mit einer Bar und einer Gogo-Stange in der Ecke. Von der Decke hängen vier blanke Duschköpfe, aus denen weißer Partynebel austritt. Bei W.’s berüchtigten „Kammerparties“ soll damit laut Anti-Nazi-Koordination Frankfurt der Gaskammern des Dritten Reiches gedacht werden. Die „Vergasung“ als Partygag.

„Wir hätten das so hingeschrieben, wenn es so wäre“, sagt der 24-Jährige ausweichend. Für was denn der Name „Brausebad“ an der Tür stehe? W.: „Es war nicht meine Idee. Irgendwann stand der Name an der Tür.“ Beim Herausgehen fällt der Blick auf ein Warnschild in altdeutscher Schrift an der Tür. Darauf steht: „Rauchverbot wird im Notfall auch mit der Axt durchgesetzt. Bei Widerstand gegen die Deutsche Wehrmacht auch mit Schusswaffen und anschließend zu den anderen in die Scheune gehängt.“

Heirat, Haus, Hunde – und arbeiten bis höchstens 45

Überraschungsmomente wie diesen nimmt W. lässig und grinst. Einen Kommentar dazu gibt er nicht. Der 24-Jährige glaubt zu wissen, wo es lang geht und wie. Es ist seine Mischung aus großer Bruder, Sozialarbeiter und Feierwütigem, der keine Grenzen kennt, die junge Menschen anzieht. „Es war cool, ihn zu kennen“, sagt Eva Neumann (Name geändert), die W. noch aus seinen früheren Zeiten in Wölfersheim kennt.

Es sei ein gutes Gefühl gewesen, sagen zu können, dass man den Schlitzer kenne, „weil man wusste, wenn was ist, kennt man ihn ja.“ Mit seinem Spitznamen Schlitzer brüste W. sich damit, als Jugendlicher einen Migranten mit dem Messer niedergestochen zu haben. Seine Sprüche über Schlägereien und Ausländer waren der 19-Jährigen damals egal. „Man hat seine eigenen Probleme und denkt, warum soll ich mich irgendwo reinhängen, womit ich prinzipiell nichts zu tun habe. Zudem sind die Leute hier in der Ecke sowieso eher rechts eingestellt.“

W. ist auf seine Werte sichtlich stolz: „Ich bin für viele hier ein Idol, für meine Jungs immer zu erreichen und versuche, etwas aus ihnen zu machen.“ In seinen Augen braucht es jemanden wie ihn, der ihnen Halt gebe. „Ich zeige den Kiddies, was man aus Arbeit machen kann und wie man seinen Lebenstraum verwirklicht.“ Dazu zählten heiraten, ein eigenes Haus, ein paar Hunde und das Ziel, mit 45 Jahren mit dem Arbeiten aufzuhören. Wichtig dabei sei der Spaß: „Und der fängt bei uns freitags an.“

© Frankfurter Rundschau 2010

 

 

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Wetterauer Zeitung – Unterstützung für Echzell oder alles nur Schau?

SPD wundert sich, warum die CDU gemeinsamen Antrag für »Grätsche«-Beitritt nicht mittragen will

(en). Die Fraktionen der SPD, der FWG und der Grünen haben zur nächsten Sitzung der Gemeindevertretung (am kommenden Montag) einen gemeinsamen Antrag eingebracht: Die Gemeinde Wölfersheim möge Mitglied im Echzeller Verein »Grätsche gegen Rechtsaußen« werden.Vor allem die SPD wundert sich, warum die CDU nicht zum Mitmachen zu bewegen ist. 

Begründet wird der Antrag damit, dass Wölfersheim selbst unliebsame Erfahrungen mit »intoleranten rechten Aktivitäten« gemacht habe und noch immer drei NPD-Vertreter im Gemeindeparlament »klammheimlich den Rechtspopulismus schüren«. Man wolle, so SPD-Fraktionschef Karl Ernst Pulkert, die Bestrebungen der Nachbargemeinden für gewaltfreien demokratischen Umgang miteinander gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in der gesamten Region unterstützen. 

Darin waren sich die drei Fraktionen einig. Nur die Fraktion der CDU macht nicht mit. Obwohl von Seiten der SPD mehrmals nachgefragt worden sei, habe es keine positiven Reaktionen der CDU gegeben. Für die SPD »drängt sich die Frage auf«, ob die Christdemokraten »eventuell damit liebäugeln, die NPD nach der Kommunalwahl als möglichen Partner einzukalkulieren«. Das wäre »beschämend«, meint Pulkert und erinnert an die frühen 90er Jahre, als die CDU schon einmal eine Zusammenarbeit mit der NPD eingegangen war.

»Warum sonst sträubt man sich so, dem rechten Rand auf die Füße zu treten?«, fragt Pulkert. Die Antwort gibt ihm CDU-Fraktionschef Hermann Ulrich Pfeuffer, der von einem »Schauantrag rechtzeitig vor der Wahl« spricht. Wenn man das beschließe, müsse man sich auch den Linksaußen des politischen Spektrums widmen, und gerade die SPD habe zuletzt diverse Anträge der Grünen auf Unterstützung von Institutionen abgelehnt. Man sei sich im klaren, so Pfeuffer, dass man sich auf »gefährlich dünnem Eis« bewege. 

»Absolut idiotisch« sei freilich die Spekulation Pulkerts, die CDU könne nach der Wahl mit der NPD sympathisieren, »das wird es mit mir nicht geben«. Und Pfeuffer kontert »Wenn die Genossen so etwas ins Gespräch bringen, rechnen sie offenbar mit dem Verlust ihrer absoluten Mehrheit.«. 

© Wetterauer Zeitung 13.10.2010 

Wetterauer Zeitung – Nachbarschaftsstreit beschäftigt nun auch RP

Regierungspräsidium geht Beschwerden nach: Zwei Anwohner der Wiesengasse überwachen vermutlich die Strasse

(dab). Seit Anfang Juli ein Video im Internet aufgetaucht ist, das eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen Nachbarn in der Wiesengasse zeigt, beschäftigt sich auch das Regierungspräsidium in Darmstadt mit dem Vorfall. Denn das Video ist offenkundig mit einer Kamera aufgenommen worden, mit der einer der beiden Nachbarn nicht nur seinen eigenen Hauseingang beobachtet, sondern die komplette Straße.

Das Problem dabei: Die Überwachung des öffentlichen Raums ist Privatpersonen verboten. »Die Straße ist ein öffentlicher Raum, in dem sich jeder frei bewegen können soll«, erklärte Renate Hillenbrand-Beck von der Abteilung Datenschutz beim Regierungspräsidium auf WZ-Nachfrage. Nur die Polizei dürfe den öffentlichen Raum überwachen, und das auch nur unter bestimmten Voraussetzungen. Beschwerden seien im Übrigen gegen beide Nachbarn eingegangen – nicht nur gegen denjenigen, dessen mutmaßlich rechtsradikalen Gäste den Nachbarn von gegenüber attackiert hatten, nachdem dieser die Kamera des Kontrahenten umdrehen wollte. Das bestätigte Hillenbrand-Beck. Denn auch der Nachbar, der bei der Attacke seine Hose verloren hatte (was übrigens immer noch via Internetvideo, verbreitet wird), soll mehr als nur sein eigenes Grundstück überwachen.

Passiert ist in den drei Monaten, seitdem das Regierungspräsidium sich mit dem Fall beschäftigt, nicht viel. »Wir haben ein Prüfverfahren eingeleitet und die beiden um Auskunft gebeten«, sagte Hillenbrand-Beck. Dabei geht es unter anderem um die Fragen, ob es sich bei den Kameras um Attrappen handelt. Und falls nicht, ob mithilfe der Technik die Straße »nur« beobachtet wird oder ob die Bilder auch gespeichert werden. Während ein Nachbar bislang gar nicht reagiert habe, habe der andere über seinen Anwalt Akteneinsicht verlangt.

Auf WZ-Nachfrage, wie man denn die Angaben der Beschuldigten überprüfen wolle, hieß es aus der Behörde in Darmstadt, zur Überprüfung werde man gegebenenfalls das Ordnungsamt einschalten. Das stößt im Echzeller Rathaus auf wenig Verständnis: »Die Kompetenz liegt beim Regierungspräsidium., das ist die zuständige Behörde – bis hin zur Überwachung«, sagte Ordnungsamteleiter Thomas Alber. Bis eine entsprechende Anfrage im Echzeller Rathaus landet, könnte es ohnehin noch eine Weile dauern. »Dass Nachbarn sich gegenseitig beobachten, ist ein großes Thema«, sagte Hillenbrand-Beck. »Wir verzeichnen dabei eine regelrechte Explosion. Weil die Technik, leicht verfügbar und günstig ist und viele Menschen gedankenlos damit umgehen.« 

© Wetterauer Zeitung 13.10.2010 

Lesen Sie hier auch die Reaktion von Manfred Linss, 2. Vorsitzender des Vereins „Grätsche gegen Rechtsausssen e.V.“ auf diesen Artikel.

Frankfurter Neue Presse – Jetzt grätscht ein Verein gegen Rechts Echzell

22 Gründungsmitglieder riefen jetzt in Echzell den Verein zur Förderung demokratischen Bewusstseins «Grätsche gegen Rechtsaußen» ins Leben. Vorausgegangen war eine Bürgerinitiative gleichen Namens, die sich im Herbst 2009 organisierte, als sich rechtsextreme Übergriffe einer bekannten Neonazi-Gruppierung ausbreiteten.

Der Verein will Bildungs- und Freizeitangebote schaffen, Aufklärungsarbeit leisten und den Dialog zwischen Bürgern, aber auch zwischen Wetterauer Gemeinden herstellen und fördern. Daher kamen zahlreiche Bürger aus umliegenden Gemeinden, um ihre Unterstützung zu demonstrieren.

Der Fokus liegt auf der Vernetzung Wetterauer Bündnisse, Parlamente und Bürger, um sich verstärkende rechtsextreme Tendenzen zu verhindern. Unter http://www.graetsche-gegen-rechtsaussen.de lassen sich Infos und der Mitgliedsantrag finden. 

© 2010 Frankfurter Neue Presse

Wetterauer Zeitung – Bürgerinitiative nun Verein gegen Rechts

Von 22 Mitgliedern ins Leben gerufen — Ziel: Demokratisches Miteinander fördern

(pm/dab). Von der Bürgerinitiative zum Verein: Am Montag ist in Gettenau der »Verein zur Förderung demkratischen Bewusstseins – Grätsche gegen Rechtsaußen« von 22 Gründungsmitgliedern ins Leben gerufen worden.Vorsitzende ist Olivia Bickerle, ihr Stellvertreter Manfred Linss. Das teilte der Verein jetzt per Pressemeldung mit.

Vorausgegangen war eine Bürgerinitiative gleichen Namens. Sie hatte sich im Herbst 2009 organisiert, »als sich rechtsextreme Übergriffe und Provokationen einer wetterauweit bekannten Neonazi-Gruppierung in Schnell ausbreiteten, so der Verein weiter »Diese rassistisch motivierten und gewalttätigen Tendenzen sind seitdem ständiges Thema in der Dorfgemeinsehaft Echzells, werden aber oft noch nicht als das gesehen, was sie sind, vor allem eine Gefahr für Kinder und Jugendliche, die wenig Alternativen haben, ihre Freizeit zu gestalten, und somit besonders gefährdet sind, in neonazistische Strukturen abzurutschen«, beschreibt der Verein den Hintergrund.»Grätsche gegen Rechtsaußen« wolle deshalb Bildungs- und Freizeitangebote schaffen, Aufklärungsarbeit leisten und den Dialog zwischen den Bürgern, aber auch zwischen den Wetterauer Gemeinden herstellen und fördern. »Nur gemeinsam, demokratisch und objektiv lässt sich ein tolerantes und bunt gemischtes Miteinander in der Wetterau gestalten.«

Am ‚Montag kamen auch zahlreiche Bürger aus den umliegenden Gemeinden nach Geltenau. Außerdem hatten die Bürgermeister der Nachbarkommunen Reichelsheim, Wölfersheim und Florstadt im Vorfeld ihre zukünftige Unterstützung bekundet. Echzells Bürgermeister Dieter Müller Stand bei der Vereinsgründung als Versammlungsleiter zur Verfügung.

Alle Gründungsmitglieder unterschrieben die zuvor abgesegnete Satzung des Vereins, dessen vorrangiges Ziel es sein soll, das demokratische Miteinander zu fördern. Der Fokus liege auf der Vernetzung der Wetterauer Bündnisse, Parlamente und Bürger, um die »sich verstärkenden rechtsextremen Tendenzen in der gesamten Wetteraus zu verhindern, heißt es weiter. Außerdem sei der Verein gemeinnützig und parteipolitisch unabhängig.

Der Vorstand setzt sich wie folgt zusammen, Vorsitzende Olivia Bickerle, VizeVorsitzender Manfred Linss (Gemeindevorstandsmitglied der Grünen), Kassenwart Kurt Bühl, Schriftführerin Sabrina Lausten Pressereferentin Elena Stoll, Kassenprüfer Martina Schubert und Peter Kruse. 

© Wetterauer Zeitung 06.10.2010

 

FAZ – Unruhestifter an der Wiesengasse in Gettenau

Seit ein vermutlich Rechtsextremer in Echzell lebt, kommt es häufiger zu Nachbarschaftsstreitereien. Am Wochenende organisierte eine Bürgerinitiative ein „Festival gegen Rechtsaußen“, zu dem auch Landespolitiker kamen. Die Wagenhalle der Freiwilligen Feuerwehr Echzell ist leergeräumt. Weder der Kommandowagen, noch die zwei Löschfahrzeuge stehen an diesem Samstagnachmittag in der Halle. Stattdessen üben dort fünf Mädchen des Hip-Hop- Workshops einen Tanz. In der anderen Hälfte betrachtet eine Handvoll Besucher Schaubilder der Ausstellung „Demokratie stärken, Rechtsradikalismus bekämpfen“. Vor einem Schaubild zum „Rechtsextremen Weltbild“ steht eine Mutter mit ihrem Sohn und liest Zeitungsausschnitte, die von Angriffen auf Farbige, Homosexuelle und Behinderte berichten. „Schau mal hier“, sagt die Mutter zu ihrem Sohn, „es kann mir doch keiner erzählen, dass die Recht haben.“

„Die“, das sind Rechtsextreme – im Allgemeinen wie in der Ausstellung, aber besonders im speziellen Fall von Echzell. In der Gemeinde schwelt etwas, was der Fraktionsvorsitzende der SPD im hessischen Landtag, Thorsten Schäfer-Gümbel, am Samstag im Festzelt neben dem Feuerwehrhaus als „braunen Spuk“ bezeichnet. Schäfer-Gümbel sowie der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Tarek Al-Wazir, einige Landtagsabgeordnete von Grünen und Linkspartei, der Landrat des Wetteraukreises, Joachim Arnold (SPD), und die gesamte Echzeller Politik sind am Samstag in den Ortsteil Gettenau gekommen, um am „1. Echzell Festival gegen Rechtsaußen“ teilzunehmen. Die Bürgerinitiative „Grätsche gegen Rechtsaußen“ hat das Sport- und Musikfestival organisiert. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, die Ausweitung von rechtsextremen Aktivitäten in Echzell zu verhindern und auf Geschehnisse aufmerksam zu machen, die sich seit rund zehn Monaten in der Gemeinde ereignen.

Überwachungskameras am Haus

Zentrum der Vorfälle ist die Wiesengasse. Dort lebt seit 2008 der 24 Jahre alte mutmaßlich rechtsextreme Geschäftsmann Patrick W., der früher in Wölfersheim einen Tätowierladen mit dem Namen „Old Brothers“ betrieb und über das Internet T-Shirts mit rassistischen Motiven verkauft haben soll. Nachdem W. seinen Laden von Wölfersheim an die Wiesengasse in Echzell verlegte, kam es dort zunehmend zu Streit mit den Nachbarn. Zunächst wegen Lärms von Feiern, die W. in seinem Haus organisierte und zu denen er auch Echzeller Jugendliche einlud. Nach Angaben eines Polizeisprechers liegen mehrere Anzeigen gegen W. vor, unter anderem wegen Körperverletzung, Nötigung und Ruhestörung.

Nachdem es laut Bürgerinitiative im Oktober 2009 zu einem ersten Übergriff mit Drohungen gekommen war, weil sich eine Nachbarin bei W. über die Lautstärke bei einer Feier beschwert hatte, folgte der Höhepunkt der Auseinandersetzungen bei einer weiteren Party Anfang Mai dieses Jahres: Als ein Nachbar versuchte, mit einer Leiter zu den Überwachungskameras zu steigen, die W. an seinem Haus befestigt hat, zerrten einige seiner Gäste den Nachbarn von der Leiter und rissen ihm Hose und Unterhose vom Leib. Der Mann musste an den Beinen unbekleidet in sein Haus zurückkehren.

„Nicht nur sauber. Arier“

Den Film aus seiner Überwachungskamera stellte W. vermutlich selbst auf die Internetplattform Youtube, wo er bis heute zu sehen ist, versehen mit hämischen Kommentaren. In einem Fernsehbeitrag, den der Hessische Rundfunks daraufhin über den Vorfall drehte, sagt W. über sich selbst: „Ich bin national eingestellt, aber ein Nazi bin ich keiner“ – und trägt dabei ein T-Shirt auf dem „Nicht nur sauber. Arier“ steht.

Da an besagtem Abend im Mai auch Polizei an Ort und Stelle war und in die Auseinandersetzung eingriff, wurde der Vorfall am Donnerstag im Innenausschuss des Hessischen Landtags thematisiert. Es galt die Frage zu klären, ob die anwesenden Polizeikräfte angemessen gehandelt hatten. Dabei berichtete der Inspekteur der Landespolizei, dass es sich um einen Nachbarschaftsstreit gehandelt habe, da die Täter nicht aus dem rechtsextremen, sondern aus dem „sonstigen Umfeld“ von W. stammen sollen.

Nicht das letzte Fest

Vor allem gegen das rechtsextreme Umfeld von W. richtete sich am Samstag das Festival auf dem Sportplatz, wo Jugendliche am Nachmittag Fußball, Tennis, Handball oder Basketball spielten. Den Sport hat die Bürgerinitiative bewusst als Vehikel gewählt für ihren Protest. „Über den Sport haben wir die Möglichkeit, an viele Leute heranzukommen und sie für das Thema Rechtsextremismus zu sensibilisieren“, sagt Angelika Ribler von der Sportjugend Hessen, die die Echzeller Bürgerinitiative berät und unterstützt.

Die Initiative hat sich neben dem Eindämmen der rechtsextremen Umtriebe auch zum Ziel gesetzt, eine „aufgeklärte demokratische Jugend in Echzell zu stützen und zu fördern“, wie es im Flugblatt zum Festival heißt. Auch deshalb hat sie die örtlichen Sportvereine ins Boot geholt, da die Jugendlichen, die W. zu seinen Feiern einlädt, oftmals Mitglieder in den Vereinen sind.

Das erste Echzell-Festival mit seinen rund 900 Besuchern soll deshalb auch nicht das letzte gewesen sein. „Wir werden weiter arbeiten und fangen an, uns mit ähnlichen Initiativen in den umliegenden Gemeinden zu vernetzen“, sagt Organisatorin Olivia Bickerle. Demnächst solle ihre Bürgerinitiative in einen Verein umgewandelt werden, um die Arbeit gegen Rechts zu verstetigen. „Ich habe eine zweieinhalb Jahre alte Tochter, und die soll nicht in so einem Umfeld aufwachsen“, sagt die 39 Jahre alte Managerin. 

© Frankfurter Allgemeine Zeitung 2010

 

 

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Wetterauer Zeitung – Echzell wehrt sich: Musiker, Politiker und 500 Gäste gegen Rechts

(arc). Die vier »Fräulein Wunder« hatten gerade mit ihrer Show begonnen, als einer der Vereinsvertreter vor dem Zelt Bilanz zog: »Wir haben uns auch mit einem Stand beteiligt, was daraus geworden ist, ist allerhand.« Eine Meinung, die man am Samstag oft hörte auf dem Gettenauer Sportplatz beim »1. Echzell Festival« gegen Rechts.

Viele Vereine hatten mit Unterstützung durch Landessportbund, Sportkreis und Kommune einen kleinen Beitrag geleistet und waren später beeindruckt, was daraus geworden war.

Insgesamt blieb es ruhig, auch die vorsorglich stark vertretene Polizei meldete einen ruhigen Verlauf – obwohl es an der Absperrung vereinzelt zu Diskussionen mit Männern und Frauen aus der rechten Szene gab. Auch eine kleine Kundgebung der »Jungen Nationaldemokraten« verlief nach Auskunft der Friedberger Polizei ohne besondere Vorkommnisse.

Kurz zur Vorgeschichte: Nachdem es in Gettenau zu Auseinandersetzungen mit Zugezogenen gekommen war, die man der rechten Szene zuordnet, hatte sich die Bürgerinitiative »Grätsche gegen Rechtsaußen« gegründet, die nun zum ersten Höhepunkt ihrer bisherigen Aktivitäten, dem Festival, eingeladen hatte.

Viel Aufklärungsarbeit wurde geleistet, die von der Gemeindevertretung verabschiedete Resolution lag zum Unterzeichnen aus. Neben vielen Kreis- und Lokalpolitikern machten auch die Landesvorsitzenden von SPD und Grünen, Thorsten Schäfer-Gümbel und Tarek Al-Wazir, so ihre Solidarität deutlich. Zuvor hatten sich die Politiker an die Gäste gewandt.

Landrat Joachim Arnold begann seine Rede mit der Feststellung: »Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!« Er bedauerte, dass es solche Veranstaltungen geben müsse, weil einige Ewiggestrige sie nötig machten. Man müsse sich den Rechtsradikalen jedoch an jedem Ort gemeinsam entgegenstellen, forderte er die Bürger auf.

Schäfer-Gümbel mahnte, solche Veranstaltungen dürften kein Einzelfall bleiben, »so lange der braune Spuk in Echzell tobt«. Er ermunterte die BI, das Echzell Festival zu wiederholen und sagte noch mehr Unterstützung für die Arbeit der »Grätsche« zu. Im Osten schickten sich die Rechten an, Kindergärten zu gründen, um ihre Ideologie schon an die Jüngsten weiterzugeben zu können – die Rechten nisteten sich überall dort ein, wo sich der Staat zurückziehe. Wegsehen sei der falsche Weg, betonte er, das habe die Vergangenheit gezeigt.

Vom Landesparteitag der Linken war Hermann Schaus gekommen und überreichte eine Resolution gegen Rechts, die von allen Delegierten des Parteitags in Gelnhausen am selben Tage unterzeichnet worden war.

Auch Bürgermeister Dieter Müller erklärte, eine wehrhafte Demokratie könne nur funktionieren, wenn man sich auch wehre. Eine Resolution sei nur der Anfang, danach müssten auch Taten folgen. In diesem Zusammenhang dankte er der Bürgerinitiative.

Abschließend forderte auch Bezhad Borhani von der Sportjugend Hessen dazu auf, Gesicht gegen Rechts zu zeigen und rief auf zur regen Teilnahme am Sponsorenlauf. Am Ende des Laufes waren 3260 Euro für die Jugendarbeit der »Grätsche« zusammenkommen.

Für die BI dankte Olivia Bickerle allen Teilnehmern und Rednern für die große Unterstützung. Trotz des trüben Wetters hatten 500 Menschen den Weg nach Gettenau auf das Festival gefunden, damit war Bickerle sehr zufrieden.

Am Abend sorgten die Bands »Fräulein Wunder« und »Hartmann« noch einmal für rockige Stimmung und einen erneuten Zuschauerzustrom.

© Wetterauer Zeitung 2010

 

 

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Bild.de – Echzell wehrt sich gegen rechte Nachbarn

Die Bürger der Wetterau-Gemeinde Echzell haben genug von rechten Parolen in ihrem Ort und wollen ein Zeichen dagegen setzen. Unter dem Motto «Gemeinsam gegen Rechtsaußen» soll am Samstag (28. August) ein Sport- und Musikfestival die Menschen in dem Ort aufrütteln. «Unser Ziel ist es, alle zum Hinschauen auf die rechtsextremen Umtriebe zu bewegen», sagte am Donnerstag Manfred Linss von der Bürgerinitiative «Grätsche gegen Rechtsaußen», die das Fest organisiert. Das Festival bietet neben Sport, Spiel, Tombola und Livemusik auch Infos über Rechtsextremismus. Die Probleme in der 5800-Einwohner- Gemeinde begannen 2008, als ein Anhänger der Szene herzog.

© 2010 Bild.de

Frankfurter Rundschau – Aufstand der Demokraten

Von Bruno Rieb

Die Wiesengasse am Rande des alten Ortskerns von Gettenau mit ihren stattlichen, alten Hofreiten könnte ein Idyll sein. Aber seitdem der rechtsextreme Patrick W. seine Aktivitäten hierhin verlagert hat, ist es aus mit der Ruhe in der Straße. Immer wieder ziehen grölende und pöbelnde Grüppchen durch die Gasse, gelegentlich werden protestierende Anwohner verprügelt.

Gegen diese rechtsextremen Umtriebe hat die Bürgerinitiative Grätsche gegen Rechtsaußen mit der Sportjugend Hessen und örtlichen Vereinen unter der Schirmherrschaft des Bürgermeisters das 1. Echzell-Festival „Gemeinsam gegen Rechtsaußen“ organisiert. Am Samstag geht das Fest mit prominenter Unterstützung über die Bühne. Der Chef der hessischen SPD, Thorsten Schäfer-Gümbel, will ebenso kommen wie der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag, Tarek Al-Wazir. Die populäre Wetterauer Band Fräulein Wunder und die Rockband Hartmann treten ohne Gage auf.

Patrick W. verbindet seine rassistische Gesinnung mit Geschäftssinn. Er firmiert als „Old Brothers“, zum Firmenlogo gehört ein Totenkopf, der an das Symbol der Totenkopfverbände der Waffen-SS erinnert. Ursprünglich hatte er seinen Tätöwierladen und Versandhandel von T-Shirts mit rassistischen Motiven in Wölfersheim. Die Gemeinde wehrte sich erfolgreich gegen den Laden.

Patrick W. verlegte seine Aktivitäten in die Gettenauer Wiesengasse. Seine festungsartig ausgebaute Hofreite nennt er „Old Brothers Castle“. Eine Bar mit Gaskammer-Ambiente gehört laut Anti-Nazi-Koordination Frankfurt dazu: Als Party-Höhepunkt strömt über Duschköpfe Disco-Nebel in den Raum.

Die ersten unsanften Erfahrungen mit dem neuen Nachbarn machte ein Wiesengassen-Anwohner, der sich beschwerte, weil Fetenbesucher am frühen Samstagmorgen laut rechte Parolen grölten. Der Anwohner wurde zusammengeschlagen.

Ein anderer Anwohner, der die Überwachungskameras wegdrehen wollte, die W. auf sein Haus gerichtet hatte, wurde von einem prügelnden Mob von der Leiter gezerrt. Schuhe, Hose und Unterhose wurden ihm ausgezogen. Patrick W. stellte ein Video der demütigenden Szene mit höhnischen Kommentaren ins Internet.

W.s vierbeinige Kampfhunde kassierte das Echzeller Ordnungsamt ein. Sieben Tiere wurden als „mutmaßlich gefährlich“ sichergestellt. Nur einen Hund hatte er angemeldet. Gefährliche Hunde darf Patrick W. nicht halten, weil er vorbestraft ist.  

© Frankfurter Rundschau 2010

 

 

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YouFM – Rechtsextremismus in Hessen

Gibt es Rechtsextremisten im YOUniverse?

Ja, und zwar nicht wenige. In ländlichen Gebieten können sie nach Expertenmeinung besonders leicht Fuß fassen. Sie richten sich dort ein und sind für die Dorfbewohner nicht leicht zu erkennen. Denn die Gleichung Springerstiefel, Glatze und Bomberjacke geht heute nicht mehr auf. Die Zahl rechtsextremer Gewaltdelikte in Deutschland hat seit März dieses Jahres kontinuierlich zugenommen und im Juni mit 78 einen Höchststand erreicht. 2009 registrierte der Verfassungsschutz in Hessen 2100 Rechtsextremisten und 797 Delikte, darunter 22 Gewalttaten inklusive einer versuchten Tötung. Im bundesweiten Vergleich liegt Hessen damit zwar weit hinten, doch gibt es auch dort rechtsextremistische Hochburgen, die nicht ungefährlich sind. Dazu zählen der Wetterau-, der Schwalm-Eder- und der Lahn-Dill-Kreis.

Neue Gruppierungen mit hohem Gewaltpotential

Besonders im Raum Wetzlar und Umgebung blüht laut Verfassungsschutz die rechtsextreme Szene auf. Oft geht es hier um Auseinandersetzungen zwischen Rechts- und Linksautonomen. Außerdem haben viele Gruppen, die dort aktiv sind, keine eindeutige politische Richtung und fühlen sich auch der NPD nicht direkt verbunden. Doch gelten sie insgesamt als besonders gewalttätig. Diese rechtsextremistischen Gruppen im YOUniverse sind mit anderen bundesweiten Gruppen vernetzt und setzen weniger auf Inhalte als auf erlebnisorientierte Aktionen.

Reden über Neonazis

Der Journalist Johannes Radke (29) ist Rechtsextremismus-Experte. Er hat das „Netz gegen Nazis“ gegründet und betreut das ZEIT-Portal „Störungsmelder“, das sich mit den aktuellen Aktivitäten von Rechtsextremisten beschäftigt. Er weiß, wie Rechtsextreme neue Leute für ihr rechtes Gedankengut werben und warum junge Menschen zu Neonazis werden, ohne es gleich zu bemerken. Viele Rechtsextremen treten nach außen hin friedlich auf und versuchen sich in die örtliche Gemeinschaft zu integrieren. Sie sind in der Jugendarbeit in Vereinen, Sportclubs oder in der Kinderbetreuung aktiv. Nicht immer bleiben sie unentdeckt. Wie zum Beispiel im Dorf Gettenau / Echzell im Wetteraukreis. Dort hat sich Anfang 2008 ein kreisbekannter Rechter niedergelassen, gegen den sich jetzt einige Bürger zu wehren versuchen.
Patricks Spitzname ist Schlitzer

In einem Fernsehbeitrag sagt Patrick (24) von sich selbst: „Ich bin national eingestellt, aber Nazi bin ich keiner“. Auf seinem T-Shirt prangt dabei die Aufschrift: „Nicht nur sauber sondern rein! Arier“. Sein Geld verdient der 24-Jährige mit einem Tattooladen und einer Securityfirma, seine Frau betreibt einen Taxibetrieb. Nach Echzell ist Patrick vor zwei Jahren gezogen. Bei der Polizei ist Patrick wegen „einer Liste von Straftaten“ bekannt, unter anderem wegen Körperverletzung und Volksverhetzung. „Wir ordnen ihn der rechtsextremen Szene zu. Doch nach außen tritt er eher als Kirmesschläger auf, der laute Feste mit vielen Gästen feiert und dort seine gleichgesinnten Kumpanen um sich schart“, sagt Jörg Reinemer, Polizeisprecher des Polizeipräsidiums Wetterau. Immer wieder gibt es Auseinandersetzungen zwischen den Nachbarn und Patrick. „Es gibt Anzeigen von beiden Seiten. Dabei geht es um Nötigung, Sachbeschädigung und Körperverletzung“ sagt Reinemer. Anfang Juli ist die Situation erneut eskaliert, als Patrick unter seinem Pseudonym „pauldeprinz“ ein Video mit hämischen Kommentaren auf Youtube eingestellt hat. Zu sehen ist ein Nachbar, der nach einem Streit versucht, die Kameras zu entfernen, die auf sein Haus gerichtet sind und dabei von etwa 15 Partygästen von der Leiter gezerrt wird, die ihm die Hose und Unterhose ausziehen.

„Viele raffen gar nicht, was da abgeht“

Die 19-Jährige Azubine Agnes (Name verändert) hing früher bei Patrick im Tattoo-Studio in Wölfersheim ab. Sie sagt, dass wer Patrick gekannt habe, sich sicher und cool gefühlt habe. „Es lief prinzipiell immer rechte Musik in seinem Laden: Dort wurden auch rechte Tatoos gestochen. Aber da hast Du drüber hinweggesehen. Vielleicht auch, weil Vorurteile hier in der Ecke ganz schön verbreitet sind.“

Freitag und Samstag wird gefeiert

Das Patrick und seine Gruppe nennen sich „Old Brothers“. Sie tragen entsprechende Jacken mit Logos und schmücken damit ihre Autos. Seine engsten Leute sind mit ihrem Fingerabdruck an Patricks Hoftor registriert. Seinen Eingang überwacht er mit Kameras. Patrick sagt, dass sie gerne abgekapselt seien. „Denn wenn wir wo auftauchen, werden wir provoziert und meistens geht das für die anderen nach hinten los“. Am Wochenende feiert der Old Brothers Stammtisch gemeinsam mit Patricks Freunden aus der Umgebung geschlossene Parties auf seinem Hof oder in Lokalitäten im Umkreis, die er im sozialen Netzwerk „Wer kennt wen“ ankündigt.

Still aus Angst und Desinteresse

Die 17-Jährige Anne (Name geändert), die aus Angst ihren Namen nicht nennen will, sagt, dass man Rechtsgesinnten auf dem Land besser aus dem Weg gehe und sich mit Aussagen gegen sie zurückhalte, um keinen Ärger zu bekommen. „Entweder bist du links, rechts oder still.“ Vor allem unter den 15- bis 20-Jährigen sei die Anziehungskraft rechtsextremistischer Gruppen enorm hoch.

Wie die Bürger sich wehren

Viele Bürger in Echzell wünschen sich, dass Patrick ihren Ort verlässt. Deshalb haben sie sich im Dezember 2009 in der Bürgerinitiative „Grätsche gegen Rechtsaußen“ zusammengeschlossen. Sie dokumentieren die Aktivitäten von Patricks Gruppe „Old Brothers“ und versuchen in Zusammenarbeit mit anderen Vereinen, Schulen, Kirchengemeinden, dem Gemeindevorstand und der Kommunalverwaltung gegen Patrick und seine Gruppe anzugehen.

Mit Musik gegen Rechtsaußen

Auch die Politik (SPD und Linke) hat sich inzwischen der Situation in Echzell angenommen. Am 26. August 2010 tagt der hessische Innenausschuss in einer Sondersitzung unter dem Titel: „Jagd auf Menschen durch Neonazis in Echzell“. Und am 28. August steigt in Echzell das von der Bürgerinitiative organisierte Festival „Gemeinsam gegen Rechtsaußen“ mit der Band „Fräuleinwunder“.

Hilfe für Anwohner

Nicht in allen Dörfern, in denen sich Rechtsextreme niederlassen, sind die Anwohner so engagiert. Oft wissen die Betroffenen nicht, wie sie sich verhalten sollen oder haben Angst. Das „Beratungsnetzwerk Hessen“ bietet kostenlos Hilfe in konkreten Krisensituationen an.

Hilfe für ausstiegswillige Rechtsextremisten

Wer einmal in die rechtsextremistische Szene abgerutscht ist, dem fällt der Ausstieg oft schwer. Selbst wenn man sich von der Ideologie gelöst hat, ist es ein riesiger Schritt, den Ausstieg zu wagen. Wer sich von der Szene lösen möchte, braucht Mut und Beratung. Das „Informations- und Kompetenzzentrum Ausstiegshilfen Rechtsextremismus“ (IKARus) bietet Hilfe. Auch für Freunde und Familienmitglieder von Menschen, die dabei sind, in die Szene abzurutschen.

© Hessischer Rundfunk 2010

 

 

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