Archiv der Kategorie: Presseberichte


Frankfurter Rundschau – Bedrohung unterschätzt

Antifaschisten kritisieren Polizei

Eine „Tendenz zur politischen Einäugigkeit“ wirft der Vorsitzende der Lagergemeinschaft Auschwitz, Uwe Hartwig, der Wetterauer Polizei in einem Schreiben an Hessens Innenminister Boris Rhein (CDU) vor. Hartwig bezieht sich auf eine Aussage der Sprechers der Wetterauer Polizei Jörg Reinemer nach einer Bombendrohung gegen den Vorsitzenden der Antifaschistischen Bildungsinitiative Wetterau Andreas Balser. Reinemer hatte gesagt, es müsse geprüft werden, ob der Wortlaut überhaupt eine Bedrohung darstelle.

„Nach zehn faschistisch motivierten Mordtaten in der Bundesrepublik und nach schon lange bekannten Einschüchterungen von Aktivisten gegen Rechtsextremismus in der Wetterau ist die Mitteilung des Polizeisprechers eine Katastrophe“, meint Hartwig. Der Echzeller Verein „Grätsche gegen Rechtsaußen“ hat sich dieser Kritik angeschlossen. Auch der Vorsitzende des GEW-Kreisverbandes Friedberg, Peter Zeichner, mahnt, „solche Drohgebärden nicht länger zu bagatellisieren“.

Die Polizei nehme die Drohung durchaus ernst, betont Reinemer, sie müsse sie aber strafrechtlich prüfen.

© Frankfurter Rundschau 13.03.2012

Wetterauer Zeitung – Hartwig: Aussage der Polizei zu Drohung ist »eine Katastrophe«

An den hessischen Innenminister Boris Rhein hat sich der Vorsitzende der Lagergemeinschaft Auschwitz, Uwe Hartwig (OberMörlen) gewandt. Im kürzlich erschienen WZ-Artikel über die Drohung im Internet gegen den Wetterauer Antifa-BI-Vorsitzenden war ihm ein Zitat von Polizei-Pressesprecher Jörg Reinemer sauer aufgestoßen: »Die Polizei ermittelt gegen Unbekannt, prüft aber auch, ob der Wortlaut überhaupt eine Bedrohung darstellt.

« Hartwig: »So wie der Satz singulär steht, vermittelt er den Eindruck, dass die Friedberger Polizei sich der Bedrohung, die von den Wetterauer Rechtsextremisten schon lange ausgeht, nicht sicher ist.

« In einem Internet-Forum hatte gestanden, der Antifa-BI-Chef möge sich nicht wundern, wenn er mit seinem Auto in die Luft flöge, weil ein wenig zu viel Sprengstoff darunter deponiert wurde.

Hartwig: »Das Muster einer solchen Formulierung ist bekannt: Man kündigt das beschriebene Ereignis nicht an, man fordert auch nicht dazu auf. Nicht selten findet sich jedoch prompt ein Brandstifter, und der Biedermann ist fein raus.«

Die Mitteilung des Polizeisprechers sei »eine Katastrophe« und man frage sich nach der Wahrnehmung der Beamten. »Die Tendenz zur politischen Einäugigkeit scheint vorzuliegen«, kritisiert Hartwig weiter. »Für eine Information über Ihre Einschätzung des Vorganges würde ich mich freuen,« endet der Brief Hartwigs an Rhein.

 

© Wetterauer Zeitung 12.03.2012

 

Frankfurter Rundschau – Drohung oder Nötigung auf Facebook

Prozess gegen Rechtsextremist vertagt 

„Er müsse sich „nicht wundern, wenn sein Auto mit ihm in die Luft fliegt, weil ein wenig zu viel Sprengstoff unterm Auto deponiert wurde“. So war es Mitte Februar zu lesen auf Facebook. Als Verfasser wurde der Rechtsextremist Patrick W. aus Echzell genannt. Adressat der Drohung: Andreas B., Vorsitzender der Antifaschistischen Bildungsinitiative (Antifa-BI). Neben seiner Adresse war der Hinweis gepostet: „Die Handynummer könnt ihr auch haben, um mal etwas Terror zu machen.“ B. erstattete Anzeige.

Die Ermittlungen seien noch am Laufen, sagte Polizei-Sprecher Jörg Reinemer der FR. „Es wird noch geprüft, ob diese Einträge tatsächlich von W. stammen.“ Außerdem müsse geklärt werden, „ob der Inhalt eine Drohung darstellt oder doch nur eine Nötigung“. Auch der Straftatbestand „öffentliche Aufforderung zu Straftaten“ käme in Betracht.

In einem anderen Fall hätte sich W. nächsten Dienstag vor dem Amtsgericht Büdingen verantworten müssen. Mit dem Auto soll er auf den Sohn einer Nachbarin losgefahren sein. Doch: „Der Termin ist aufgehoben“, teilte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Gießen der FR mit. „Eine neue Terminierung steht noch nicht fest.“ Weitere Verfahren wegen Körperverletzung und Volksverhetzung sind anhängig. Zudem trägt W. eine elektronische Fußfessel, weil Fahnder fast fünf Kilo Drogen bei ihm fanden.

© Frankfurter Rundschau 10.03.2012

Wetterauer Zeitung – »Grätsche gegen Rechtsaußen« fordert Aufklärung

»Eine Bombendrohung ist kein Kavaliersdelikt. Es handelt sich um eine ernst zu nehmende Bedrohung, die strafrechtliche Konsequenzen haben muss«, äußern sich die Mitglieder des Vereins »Grätsche gegen Rechtsaußen« zu einem Bericht in der gestrigen WZ, laut dem sich der Vorsitzende der Antifaschistischen Bildungsinitiative durch einen Kommentar im Internet bedroht fühlt. Urheber soll der sogenannte Schlitzer sein, der die Vorwürfe jedoch bestreitet. »Ich habe das nicht geschrieben«, sagte der polizeibekannte Rechtsextreme aus Echzell auf Anfrage. Auf einem Facebook-Account war Mitte Februar gepostet worden, der Antifa-BI-Referent werde sich »wundern wenn sein Auto mit ihm in die Luft fliegt, weil ein wenig zu viel Sprengstoff unterm Auto deponiert wurde«. Geschrieben wurde das von einem Profil, das unter dem Namen »Patrick Paul Wolf« angemeldet ist.

Die »Grätsche gegen Rechtsaußen« erklärt in ihrer Pressemitteilung, sie zeige sich mit dem Antifa-BI-Vorsitzenden solidarisch und fordere »alle Demokraten, die zuständigen Behörden sowie die Politiker auf, dies ebenfalls zu tun.« Weiterhin fordere man Polizei und Staatsanwaltschaft auf, alles in ihrer Macht Stehende zu unternehmen, um den Urheber der Bedrohung ausfindig zu machen.«

© Wetterauer Zeitung 09.03.2012

 

Wetterauer Zeitung – Bombendrohung gegen Antifa-BI-Vorsitzenden

Der Vorsitzende der Antifaschistischen Bildungsinitiative fühlt sich durch einen Kommentar im Internet bedroht. Urheber soll der »Schlitzer« sein. Der 25-Jährige bestreitet die Vorwürfe: »Ich habe das nicht geschrieben«, sagte der polizeibekannte Rechtsextreme aus Echzell der WZ.

Auf einem Facebook-Account war Mitte Februar gepostet worden, der Antifa-BI-Referent werde sich »wundern wenn sein Auto mit ihm in die Luft fliegt weil ein wenig zu viel Sprengstoff unterm Auto deponiert wurde«. Die Polizei ermittelt gegen Unbekannt, prüft aber auch, ob der Wortlaut überhaupt eine Bedrohung darstellt, sagte Sprecher Jörg Reinemer.

Im Internet wurde auch die Adresse des Mannes veröffentlicht, samt dem Hinweis: »Handy Nummer könnt ihr auch haben um etwas Terror zu machen.« Einen Tag zuvor hatte der Antifa-BI-Vorsitzende einen Vortrag an einer Berufsschule in Bad Nauheim gehalten. Dabei ging es auch um Patrick Wolf alias »Schlitzer« und seine »Old Brothers«. Einige Schüler hätten die Gruppe verteidigt, erinnert sich der Referent, hätten argumentiert, es sei alles gar nicht so schlimm, werde nur übertrieben dargestellt. Ähnlich ging es am darauffolgenden Tag auf einer Facebook-Seite weiter. Auf den Kommentar »Diese vollidioten keine ahnung von der materie« folgte die Drohung gegen den Referenten, geschrieben von einem Profil, das unter dem Namen »Patrick Paul Wolf« angemeldet ist.

Mit den Vorwürfen konfrontiert, sagte der 25-Jährige gestern: »Ich kann mir nicht vorstellen, dass das von meinem Profil kam. Ich war das nicht.« Er habe den Post nicht einmal gelesen. Wer es stattdessen gewesen sein könnte, wisse er nicht. »Von mir haben viel zu viele Leute die Passwörter«, weil sein Rechner gehackt worden sei. Davon abgesehen, habe »sowieso jeder« die Adresse und Telefonnummer des Mannes.

Der Antifa-BI-Vorsitzende nimmt die Drohung ernst: »Weil es so viele Mitläufer gibt. Dass jemand auf dumme Gedanken kommen könnte, ist kein gutes Gefühl.« Er und seine Mitstreiter wollten ihre Vorträge nun verstärken. Sie seien eins der besten Mittel gegen Extremismus, denn »Bildung und Informationen helfen«. Gerüchte hingegen seien schwerer zu knacken, weil manche extremen Gruppierungen sektenähnliche Strukturen aufwiesen – »die Gegenargumentationen sind dann nicht mehr rational«. Einige könne man durch Vorträge inhaltlich überzeugen, »aber nicht alle«. Weil die Referenten altersmäßig nahe an den Schülern seien, könne man gut mit ihnen diskutieren. Das halte er auch für den »Grund für solche heftigen Reaktionen«, wie sie nun im Internet aufgetaucht sind. 

© Wetterauer Zeitung 07.03.2012

 

Frankfurter Rundschau – Sprengstoff und Terror

Antifa-BI-Vorsitzender auf Facebook bedroht

Er müsse sich „nicht wundern, wenn sein Auto mit ihm in die Luft fliegt, weil ein bisschen zu viel Sprengstoff unterm Auto deponiert wurde“. So war es zu lesen auf Facebook. Als Verfasser wird der Rechtsextreme Patrick W. aus Echzell genannt. Die Mitteilung wurde am Mittwoch auf der Seite eines anderen Facebook Teilnehmers gepostet. Ausdrucke der Seite liegen der FR vor. 

Der, der sich nicht wundern soll, ist Andreas B., Vorsitzender der Antifaschistischen Bildungsinitiative (Antifa-BI) Wetterau. Außerdem wurde dessen Adresse veröffentlicht nebst dem Hinweis: „Die Handy-Nummer könnt ihr auch haben, um mal etwas Terror zu machen.“ Andreas B. hat Anzeige erstattet.

Die Wetterauer Polizei habe Ermittlungen wegen Bedrohung aufgenommen, bestätigt diese auf FR-Anfrage. „Wir müssen nun zunächst prüfen, ob diese Einträge tatsächlich auf Herrn W. zurückgehen und von welchem Computer aus sie erfolgt sind“, sagt Polizeisprecher Jörg Reinemer. Dies sei in Bezug auf Facebook allerdings nicht ganz einfach, Spezialisten seien eingeschaltet. Außerdem zu klären sei, ob der Inhalt einen Straftatbestand darstelle. 

Auf besagter Facebook-Seite erschien auch ein Foto, auf dem Andreas B. zu sehen ist, wie er einen Vortrag in der Berufsschule in Bad Nauheim hält. Das war am Dienstag. Die Themen: Codes und Zeichen der Rechtsextremen und deren Umtriebe in der Wetterau. Dabei ging es auch um Patrick W., der als Hauptfigur der „Old Brothers“ gilt und in seiner Hofreite nicht nur Tattoos und Piercings sticht, sondern in der Vergangenheit auch durch „Gaskammer-Partys“, T-Shirts mit rassistischen Aufdrucken, Nazi-Parolen grölende Gäste und sonstige Ausfälle aufgefallen ist. 

Und genau das wollten offenbar viele der etwa 40 Schüler, vor denen B. während einer Aktionswoche gegen Rassismus sprach, nicht wahrhaben.

Viele Schüler finden das alles gar nicht so schlimm

Mehr als die Hälfte, sagt B., hätten Patrick W., der aufgrund eines Verfahrens wegen des Verdachts auf Drogenhandel eine elektronische Fußfessel am Knöchel trägt, nach dem Vortrag verteidigt, nach dem Motto: „Das ist doch alles gar nicht so schlimm, das wird bloß übertrieben dargestellt.“

Andreas Stolz, Leiter der Berufsschule, die Mitglied des Bundesprojekts „Schule ohne Rassismus“ ist, bedauert die Vorkommnisse. Es sei bekannt, dass Schüler Kontakt zur Old-Brothers-Szene hätten, die die Jugend mit Partys, Alkohol und Drogen locke. „Da wollen und müssen wir gegensteuern, jetzt noch mehr.“  

 

© Frankfurter Rundschau 2012

Wetterauer Zeitung – Joachim Gauck ist ein Bürger wie jeder andere auch

Manfred Linss hat den wahrscheinlich neuen Bundespräsidenten bei der Gedenkveranstaltung für Opfer rechter Gewalt getroffen

Den bald ersten Mann im Staate kennt Manfred Linss persönlich: Der Vize-Vorsitzende des Vereins »Grätsche gegen Rechtsaußen« hat mit Joachim Gauck in Berlin bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt gesprochen. »Es stimmt: Deutschland bekommt einen Bürger zum Präsidenten«, schwärmt der Echzeller. Gauck habe eine sehr ausgeprägte Ausstrahlung und könne Mennschen in seinen Bann ziehen. »Der Mann strahlt so viel Autorität und Lebenserfahrung aus, dass er sogar Verwundbarkeiten zeigen kann.« 

Besonders freut Linss, dass Gauck die »Grätsche« schon gekannt habe, wohl über die evangelische Kirche, mit der auch der Echzeller Verein zusammenarbeitet. Einen Flyer habe er ihm trotzdem gegeben. »und ich bin sicher: Er schaut ihn auch an«, sagte Linss gestern der WZ.

Wie er an die Einladung – noch von Christian Wulff – gekommen ist, weiß Linss selber nicht genau. »Vielleicht, weil wir bei einem Wettbewerb des Bündnisses für Demokratie und Toleranz gewonnen haben.« Es seien bewusst zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich für Demokratie einsetzen, nach Berlin eingeladen worden. »Bei denen hat sich Kanzlerin Angela Merkel in Ihrer Rede auch explizit bedankt«, erzählt Linss.

Urprünglich wollte Linss, der schon am Mittwochnachmittag in die Hauptstadt aufgebrochen war, den Kontakt zu Christian Wulff suchen. »Er finde es gut, wie er sich für die Verteidigung der Demokratie eingesetzt hat. Es gab vorher keinen Präsidenten, der derart aktiv ist.« Die Einladung nach Berlin galt nur für Linss, mitkommen durfte keiner seiner Mitstreiter. Das kann der Echzeller im Nachhinein auch verstehen:» Es war eine so große und abgeschirmte Veranstaltung. Wir mussten zwei Sicherheitszonen durchlaufen.« Dafür hatte er eine extra Einlasskarte erhalten. Die Grätsche-T-Shirts mussten draußen bleiben, weil Taschen nicht erlaubt waren. Nur die Flyer gab Linss nicht aus der Hand. Während der Gedenkfeier, die der Echzeller als sehr »würdevolle Veranstaltung« beschreibt, stand er oben auf den Rängen. Zwar weit vorne, aber doch so weit vom Geschehen entfernt, dass er Schausplielerin Iris Berben, die Texte rezitierte, nur an der Stimme erkannte.

Danach habe er, auf der Suche nach einem Fotomotiv rund ums Konzerthaus am Gendarmenmarkt, Gauck entdeckt. »Auf diese Gelegenheit hatte ich gehofft, und dreist wie ich bin, bin ich nach der Schweigeminute hin. Mir war wichtig, nicht plump zu wirken und nicht aufdringlich zu sein.« Er habe Gauck auf dessen Aufforderung der Bürger angesprochen, Verantwortung für Freiheit und Demokratie zu übernehmen. »Ich habe gesagt: Ich bin einer von denen, die genau das tun.« Baff sei er gewesen, als Gauck erwiderte, er kenne die Grätsche. An den genauen Wortlaut kann Linss sich nicht erinnern, sinngemäß habe Gauck gesagt, er würdige, was Menschen in zivilgesellschaftlichen Orgenisationen für die Gesellschaft tun.

War er nervös? »Nein, das kam erst hinterher, obwohl ich ein emotionaler Mensch bin und ziemlich schnell aufgeregt«, sagt Linss. »Mein Gedanke in diesem Moment war nur: Wie kann Ich mit ihm in Kontakt treten in einer Art und Weise, die in Ordnung ist?« Viele Menschen hätten sich um Gauck gedrängt, wohl auch weil er noch nicht so gesichert gewesen sei wie später bestimmt als Bundespräsident.

»Gauck hat sich viel mit den Menschen dort unterhalten«, blickt Linss zurück. »Ich hatte auch bei der Gedenkfeier den Eindruck, er geht als normaler Bürger hin. In der ersten Reihe saß er meiner Meinung nach nur, weil er bei den Angehörigen sein wollte.«

Linss betont, es sei toll, dass der wahrscheinlich neue Bundespräsident nicht aus der Politik kommt. »Er soll ja schließlich auch die Bürger repräsentieren und nicht die Politik. Er hoffe, dass Gauck Einfluss nehmen werde auf die Politik. »Er wird bestimmt auch mal unbequem sein, aber das ist wichtig. Auch die Grätsche ist unbequem, Gauck rüge, immer mehr Menschen wollten nicht nachdenken und keine Verantwortung übernehmen. Das findet auch Linss. »Es kostet Mühe, sich Gedanken zu machen, aber mich treibt das Thema Demokratie an.« Er sei froh, »dass wir bald einen Präsidenten haben, dessen oberste Ziele Freiheit und Demokratie sind«. Denn nur, wenn das gewährleistet sei, könne das Zusammenleben auch funktionieren

© Wetterauer Zeitung 25.02.2012

 

Frankfurter Rundschau – Leuchtender, stiller Protest

Von Meike Kolodziejczyk

Hunderte nehmen in der Wetterau und in Wetzlar an Mahnwachen gegen Rechtsextremismus teil. Viele aus der Friedberger Ditib-Gemeinde kennen das erste Opfer der Anschlagsserie der NSU.

Allein dieses unsägliche Wort. „Döner-Morde“, hebt Recep Kaplan die Stimme, „das ist so vereinfacht“. Und so falsch. Nicht nur, weil unter den bisher bekannten Opfern der rechten Terrorzelle lediglich ein Döner-Laden- Besitzer gewesen sei. Wäre ein deutscher Metzger getötet worden, ist Kaplan sicher, hätte ja auch niemand von „Wurst-Morden“ gesprochen. „Es geht doch um Menschen.“ Einen von ihnen habe er persönlich gekannt. So wie viele aus der Türkisch-Islamischen Ditib-Gemeinde Friedberg Enver Simsek, das erste Todesopfer der Anschlagsserie, kannten.

Etwa 40 sind am Sonntag vor der Moschee zur Mahnwache gekommen. „Dieser braune Terror hat uns sehr bewegt“, so Kaplan. Deswegen sagte der Vorsitzende des Friedberger Ausländerbeirats sofort zu, als ihn die „Grätsche gegen Rechtsaußen“ aus Echzell anrief und fragte, ob die türkische Gemeinde dabei sei. „Wir wollten gemeinsam gegen Rechtsextremismus protestieren.“

Hunderte nehmen an Mahnwachen teil

Gemeinsam mit vielen Menschen, in mehreren Städten in der Wetterau sowie in Wetzlar. Aufgerufen zu dieser Aktion hatten die Grätsche und die Antifaschistische Bildungsinitiative (AntifaBI) – und Hunderte nahmen teil an den Mahnwachen. In Friedberg kamen 50 in der Stadtkirche zusammen, in Florstadt waren es nach dem Gottesdienst sogar 200, so viele, dass die Kerzen bei weitem nicht reichten. Lichter brannten in Butzbach und Wölfersheim. Und in Echzell. Etwa 80 Frauen, Männer und Kinder stehen dort um 5 Uhr an der Kirche. Es ist der Ort der Hauptveranstaltung, und das nicht zufällig. In Echzell-Gettenau wohnt Patrick W., genannt „Schlitzer“, weil er als Jugendlicher einen Migranten niederstach. Seinetwegen hat sich Ende 2009 die Grätsche gegründet.

Er ist die Hauptfigur der „Old Brothers“, einer nach Schätzungen der AntifaBI im Kern etwa 30-köpfigen rechtsextremen Truppe. „Die Wetterau ist immer noch eine rechtsextreme Hochburg in Hessen“, sagt Andreas Balser.

Zentrale Gestalt der Szene

Seit es den wegen Holocaust-Leugnung verurteilten Marcel Wöll, Ex-NPD-Chef in Hessen, von Butzbach in die ostdeutsche Provinz verschlagen hat, ist der „Old Brother“ Patrick W. mehr und mehr zur zentralen Gestalt der Szene geworden. „Old Brother“ hieß auch sein Tätowier-Laden in Wölfersheim, den er auf Druck der Gemeinde räumen musste und seine Aktivitäten ganz in seine Hofreite „Old Brother’s Castle“ verlagerte. Partys wurden dort gefeiert in einem Raum, in dem aus Duschköpfen Kunstnebel waberte. Sogar Live-Sex-Shows soll es im Gaskammer-Ambiente gegeben haben. Nachts grölten W.s Gäste „Sieg-Heil“ und Nazi-Gesänge auf der Straße, Kampfhunde kläfften, Sachen wurden beschädigt, Nachbarn angegriffen.

Seinen Unterhalt bestreitet der 26-Jährige mit Tattoos und Piercings; früher unterhielt er einen Security-Dienst und vertrieb per Internet Textilien mit rassistischen und neonazistischen Aufdrucken. Dabei gehört das „Arier“-T-Shirt, in dem er sich 2010 in einem HR-Beitrag aus seinem Fenster lehnte, zu den harmloseren Stücken. Damals kam das Fernsehen nach Gettenau, weil der rechte Mob einen Nachbarn verprügelt, entkleidet und das Video von W.s Überwachungskamera ins Internet gestellt hatte.

Kürzlich waren wieder Kamerateams da, nur mochte sich W. diesmal nicht mehr äußern. HR, ARD, ZDF, RTL – überall liefen Beiträge über den „Schlitzer“, der am 18. November, just in der Zeit, als die Machenschaften der Zwickauer Neonazis ans Licht kamen, aus dem Knast entlassen wurde. Vier Monate saß er in U-Haft, weil die Polizei bei einer Razzia vier Kilo Amphetamin bei ihm fand. Nun wartet er mit Fußfessel am Knöchel auf seinen Prozess. Weitere Verfahren seien anhängig, teilte die Staatsanwaltschaft Gießen auf FR-Anfrage mit, etwa wegen Volksverhetzung und Körperverletzung.

Kein Grund zur Entwarnung

Die „Old Brothers“ haben W.s Heimkehr zwar rauschend gefeiert, doch mittlerweile höre und sehe man nicht mehr viel von den braunen Kameraden, berichten die Nachbarn. Dennoch sei das kein Grund zur Entwarnung, bloß weil momentan nichts passiere. „Es muss ein Bewusstsein für dieses Problem entstehen“, sagt Dagmar Seib von der Grätsche. Der „Schlitzer“ und Rechtsextremismus überhaupt seien lange genug verharmlost worden.

„Wir haben damals selbst nicht gedacht, dass das Rechtsradikale gewesen sein könnten“, sagt Recep Kaplan. Auch weil in diese Richtung nie ermittelt worden sei, damals, als Enver Simsek 2000 in Nürnberg erschossen wurde. Bevor der Blumenhändler seinen Laden in Schlüchtern eröffnete, lebte er einige Jahre in Friedberg. Nach dem Mord war von der Mafia die Rede, von Schutzgeld, sogar von Drogen. „Einerseits sind wir natürlich erleichtert, dass jetzt endlich die Wahrheit herausgekommen ist“, sagt Kaplan, „andererseits kam es vielen vor, als sei Enver Simsek nach elf Jahren noch einmal gestorben.“

© Frankfurter Rundschau 2010

 

 

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HR Online – Mahnwachen für Opfer rechten Terrors

Rund 300 Menschen haben am Sonntag in Mittelhessen der Opfer des rechten Terrors gedacht. Zeitgleich zündeten sie in Echzell, Wetzlar und anderen Orten Kerzen an.

Die größte Gedenkveranstaltung mit mehr als 100 Teilnehmern fand in Echzell (Wetterau) statt. Dort lebt seit einiger Zeit ein Rechtsextremer, wegen ihm hatte sich ein breites Bündnis gegen Rechts gebildet. Die Wetterau sei, so hieß es, immer noch eine rechtsextreme Hochburg in Hessen.

Auch in Florstadt, Butzbach, Friedberg und Wetzlar zündeten Bürger zeitgleich um 17 Uhr am Sonntag Kerzen an. In Wetzlar hatten sich in den vergangenen Jahren immer wieder rechtsextreme Gruppen getroffen. Dort war auch ein Brandanschlag auf das Haus eines Kirchenmitarbeiters verübt worden.

Zeichen gegen Rechtsextremismus

Die Demonstranten wollten mit den Mahnwachen – nach der jüngsten bundesweiten Neonazi-Mordserie – ein Zeichen für Frieden, Demokratie und gegen Rechtsextremismus setzen. Gleichzeitig gedachten die Demonstranten der über 180 Menschen, die ihren Angaben zufolge seit 1990 in Deutschland durch Neonazis ermordet wurden.

Die Initiative für die Aktion an mehreren Orten ging von Organisationen wie der antifaschistischen Bildungsinitiative, der Echzeller Grätsche gegen Rechts und dem Butzbacher Bündnis für Demokratie und Toleranz aus.   

© Hessischer Rundfunk 2011

 

 

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