Wetterauer Zeitung – 10000 Euro für »Heimliche Helden« der Wetterau

Volksbank fördert 70 gemeinnützige Einrichtungen in Mittelhessen mit jeweils 1000 Euro — Ehrung in Gießen

(hed/pm). Fördergelder und Ehrenpreise im Wert von 70000 Euro hat die Volksbank Mittelhessen gestern an die Gewinner des Förderwettbewerbs »Heimliche Helden« übergeben. 70 gemeinnützige Einrichtungen hatten ihre persönlichen Helden nomi-niert und Bewerbungen eingereicht. Vorstand Volker Remmele be-grüßte mehr als 200 Gäste zur Ehrung in Gießen. Auch zehn »Heim-liche Helden« aus der Wetterau kommen in den Genuss von jeweils 1000 Euro Förderung, vier wurden persönlich ausgezeichnet. 

Für den Steinfurther Jochen Rolle war es ein besonderer Tag. Er gehörte zu den Vertretern der 70 Vereine und Einrichtungen, die von der Volksbank als »Heimliche Helden« geehrt wurden. Rolle, selbst Vater eines behinderten Kindes, kümmert sich seit Jahren in der Lebenshilfe Wetterau um die Integration von Behinderten in die Gesellschaft. Er war maßgeblich an der Gründung der integrativen Sophie-Scholl-Schule in Bad Nauheim beteiligt und veranstaltet regelmäßig Aktionen – zum Beispiel Benefizläufe, um Geld für die Schule zu sammeln. Nun kommen 1000 Euro hinzu.

Auch Olivia Bickerle von der »Grätsche gegen Rechtsaußen«, die sich in Echzell gegen immer lauter werdende rechtsextreme Parolen wendet, kann das Geld nutzen, um das nächste Festival gegen Rechts zu organisieren. Gottfried Haas vom Förderverein der Eichendorff-Schule Ilbenstadt steckt die Kohle wohl in die Erde: Er betreut die AGs »Holzwürmer« und »Gartenzwerge«, in denen Kindern gezeigt wird, wie man mit Pflanzen und Holz umgeht. Bei den Schülern ist »Opa Haas« sehr beliebt.

Ob das auch für Thorsten Fiala gilt? Schließlich scheucht er die Kids als Jugendtrainer vom Kultur- und Sportverein Berstadt auch gerne über den Platz – für die Kondition. Außerdem führt er Rauchfrei-Projekte oder auch Ernährungstage durch, an denen die Kids gesundes Essen und keine Burger mit Pommes vorgesetzt bekommen. Sechs weitere »Heimliche Helden« aus der Wetterau werden demnächst einen Scheck bekommen: Sara Thomas (Förderverein der Wölfersheimer Schulen), Ulrich Schultheis (Sportgemeinschaft Bauernheim), Christoph Könitzer (Gesangverein Eintracht Wölfers-heim), Marlies Krell-Moder (DLRG Bad Nauheim), Wolfgang Rieß (Frei-weg Wölfersheim) und Manuela Voß (Tanzsportclub Nid-datal).

»Sie alle leisten Außergewöhnliches«. Sie alle gehörten zu den Menschen, die sich ganz selbstverständlich für andere einsetzten, sagte Remmele bei der Siegerehrung. Sie engagierten sich sozial, mischten sich ein und leisteten Außergewöhnliches. »Sie kümmern sich um bettlägerige Menschen, führen die Hunde des Tierheims aus oder leiten seit Jahren die Jugendarbeit im Sportverein.«

Um das Engagement dieser Menschen zu würdigen, habe die Volksbank den Förderwettbewerb ausgeschrieben. Gemeinnützige Organisationen waren aufgerufen, einen Menschen, der sich in ihrer Mitte besonders engagiert, zu nominieren und die Geschichte ihres »Heimlichen Helden« zu erzählen.

Begleitet wurde die Siegerehrung durch die amtierenden Deutschen Meister der Mentalmagie »Timothy Trust 8z Diamond« aus Berlin. 25 der 70 Preisträger hatten die Jury mit ihrer Geschichte besonders beeindruckt. Sie erhielten als Dankeschön wahlweise einen Gutschein über ein Wellness-Wochenende oder eine Karte für eine Galashow in der Alte Oper Frankfurt. 

© Wetterauer Zeitung 26.05.2011

 

Wetterauer Zeitung – »Psychologische Kriegsführung durch Nazis«

Mit Luftdruckwaffe auf Scheibe geschossen – Polizei ermittelt – »Old Brothers—Party in Florstadt geplant

(chh). Neuer Ärger in der Wiesengasse: Am Wochenende haben Unbekannte mit einer Luftdruckwaffe auf ein Fenster geschossen. Die Antifaschistische Bildungsinitiative (Antifa-BI) geht davon aus, dass der Angriff aus dem Umfeld des »Schlitzers« kam, ein von der Polizei der rechtsextremen Szene zugeordneter Get-tenauer. Die Beamten sehen für ein politisches Motiv derzeit jedoch keine Anzeichen. Weiteren Ärger könnte es am Wochenende geben: Die »Old Brothers« wollen eine Party in Florstadt veranstalten. 

Nachdem die Staatsanwaltschaft das Haus des »Schlitzers« in diesem Jahr bereits zweimal durchsucht hat, bahnt sich für den Gettenauer Tattoo-Studio-Besitzer neuer Ärger an: Am Wochenende haben Unbekannte mit einer Luftdruckwaffe zweimal auf eine Fensterscheibe geschossen. Laut Pressemitteilung der Antifa-BI liegt das Haus in der Nachbarschaft des Tattoo-Studios. Die Antifa-BI geht von einem rechtsextremen Hintergrund aus. Polizeisprecher Jörg Reinemer bestätigt zwar die Schüsse auf das Fenster, sagt jedoch auch: »Anzeichen für einen politischen Hintergrund gibt es derzeit nicht.«

Darüber hinaus wirft die Antifa-BI dem Gettenauer vor, den Sohn einer Nachbarin fast überfahren zu haben. Pressesprecher Reinemer: »Es stimmt, dass uns eine Anzeige vorliegt. Wir ermitteln wegen des gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr.« Zudem seien Mitglieder der Antifa-BI auf der Friedberger Kaiserstraße vom »Schlitzer« und fünf weiteren »Old Brothers« angepöbelt worden, »Wir kriegen euch«, sollen sie laut Pressemitteilung gerufen haben. Die Antifa-BI nennt das Vorgehen »psychologische Kriegsführung durch Nazis«.

Weiteren Ärger könnte es am kommenden Wochenende in Florstadt geben. Am Samstag soll es eine Party der »Old Brothers« geben. Für die Veranstaltung haben sich bei Facebook über 100 Leute angemeldet, darunter laut Antifa-BI auch örtliche NPD-Größen. »Bierwagen, Zelte und Sitzmöglichkeiten sind wie immer reichlich vorhanden«, heißt es auf der Facebook-Seite. Ob die Party tatsächlich stattfinden wird, ist aber noch unklar. Laut Reinemer prüft die Polizei, ob die Feier rechtlich zulässig ist, »Falls sie stattfinden sollte, werden wir mit Sicherheit vor Ort sein«, sagte der Polizeisprecher.

Auch Florstadts Bürgermeister Herbert Unger weiß von der geplanten Feier: »So etwas ist natürlich nicht erfreulich.« Allerdings betonte Unger auch, dass man nicht alle Besucher über einen Kamm scheren dürfe. »Nicht alle haben die gleiche politische Einstellung wie der Veranstalter.« Die ganze Sache sei grenzwertig, da die Feier wohl auf einem privaten Grundstück stattfinden solle, sie bei Facebook allerdings als öffentliche Veranstaltung eingetragen sei.

Vor rund einem Monat hatte die Staatsanwaltschaft Gießen das Haus des Gettenauer Tattoo-Studio-Besitzers durchsucht. Der Verdacht: Verstoß gegen das Waffengesetz. Es war die zweite Durchsuchung in diesem Jahr, bereits im Januar hatten Beamte wegen des Verdachts der Volksverhetzung ermittelt. Hintergrund waren sogenannte »Kammerpartys« gewesen, die der damals 25-Jährige veranstaltet haben soll. Laut einem Bericht der Frankfurter Rundschau seien bei den Partys Duschköpfe an den Wänden montiert gewesen, aus denen weißer Nebel strömte. »Da drängt es sich auf, gegen Volksverhetzung zu ermitteln«, sagte damals Ute Sehlbach-Schellenberg, die Pressesprecherin der Gießener Staatsanwaltschaft. 

© Wetterauer Zeitung 18.05.2011

 

Frankfurter Rundschau – Rechtsextreme verbreiten Schrecken

Echzell Schüsse aus Luftdruckwaffe / Aufklärungsprogramm startet im Sommer

Von Bruno Rieb 

Die Anwohner der Wiesengasse in Echzell-Gettenau kommen nicht zur Ruhe, seit sich der rechtsextreme „Schlitzer“ mit seinen „Old Brothers“ dort niedergelassen hat. In der Nacht zu Sonntag wurde das Haus eines Nachbarn beschossen, der sich gegen die Rechtsextremen engagiert. Es sei „zweimal mit einer Luftdruck-waffe auf eine Fensterscheibe geschossen“ worden, berichtet Polizeisprecher Jörg Reinemer. Politischen Hintergrund für die Tat sieht die Polizei bislang keinen.

Eine Anwohnerin, die sich gegen die Rechtsextremen in der Straße engagiert, berichtet, dass der „Schlitzer“ versucht habe , mit seinem Auto ihren Sohn zu überfahren.

Die Antifaschistische Bildungs-initiative Wetterau (Antifa-BI) sieht in dem Vorgehen der Rechtsextremen eine „psychologische Kriegsführung“. „Viele Leute lassen sich von dem braunen Terror einschüchtern, da sie nicht über eine Drohkulisse wie die Neonazis verfügen und sich an die geltenden Gesetze halten und auf den Rechtsstaat hoffen“, sagt Andreas Baiser von der Antifa-BI.

Sorgen bereitet den Wiesengassen-Anwohnern eine Party, die die Rechtsextremen am kommenden Samstag, 21. Mai, im nahen Florstädter Stadtteil Mockstadt feiern wollen, „Old Brothers Summer Start Up“ genannt. „Bierwagen, Zelte und Sitzmöglichkeiten sind wie immer reichlich vorhanden“, werben die Rechtsextremen. Beim Feiern wollen sie nicht fotografiert werden: „Wir bitten nochmals darum, während unserer Partys keinerlei Lichtbilder zu machen“. Die Polizei wisse von der Veranstaltung und habe ein Auge darauf, sagt Reinemer.

Einen Erfolg kann der Verein „Grätsche gegen Rechtsaußen“ vermelden, der sich in Echzell gegen die Rechtsextremen formiert hat. 270 000 Euro Fördermittel aus dem Bundesprogramm „Toleranz fördern, Kompetenz stärken“ fließen nach Echzell und umliegende Gemeinden, berichtet Grätsche-Vorsitzende Olivia Bickerle.

Für das drei Jahre währende Förderprogramm können sich Vereine mit ihren Projekten bewerben. Das Themenspektrum kann breitgefächert sein, von der Auseinandersetzung mit rechtsextremen Symbolen bis zur Integration, sagt Bickerle.

Am 6. August soll es wieder ein Festival gegen Rechtsaußen in Echzell geben. Vor einem Jahr hatte die Grätsche damit ein beeindruckendes Zeichen gegen die rechtsextremen Umtriebe gesetzt. Viele örtliche Vereine hatten sich beteiligt und rund 900 Besucher waren damals gekommen.

© Frankfurter Rundschau 2011

GRÄTSCHE GEGEN RECHTSAUSSEN – Der Background –

Als in 2008 ein junges Ehepaar eine leer stehende Hofreite in der Gettenauer Wiesengasse kaufte, um diese zu renovieren und als ihr neues Zuhause einzurichten, freuten sich viele Anwohner auf nette Nachbarn. Doch schon bald wurde klar, dass diese vordergründig freundlichen Leute einen rechtsextremen Hintergrund hatten. Laute Partys mit einschlägiger Musik, Besucher und Fahrzeuge mit (getarnten)Nazi-Symbolen, rowdyhaftes Benehmen usw., all das ließ bald deutlich werden, dass die neuen Nachbarn keinen Wert auf gute Nachbarschaft legen sondern ihre ganz besonderen Werte „pflegen“, sich als „Old Brothers“ bezeichnen und gegen „Linke Willkür“ einstehen.

Als sich ein Nachbar über nächtlichen Lärm beschwerte, wurden er und seine Familie von einer Horde Rechtsradikaler angegriffen und verletzt. Der Rädelsführer wurde ein knappes Jahr später wegen Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von 7 Monate verurteilt, die auf vier Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde.

Dieser Übergriff war der Auslöser für die Bildung einer Bürgerinitiative, die sich im November 2009 unter dem Namen „Grätsche gegen Rechtsaußen“ konstituierte. Primäres Ziel war es, die Einwohner von Echzell und den umliegenden Ortschaften über die rechten Aktivitäten aufzuklären und aktiv dagegen vorzugehen.

Mit Unterstützung des Beratungsnetzwerkes Hessen und der hessischen {gallery alignment=right-float}pressemitteilungen/pics/besucher.jpg{/gallery}  Sportjugend gelang es eine wachsende Zahl von Mitbürgern für die Ziele der „Grätsche“ zu gewinnen. Durch Informationsveranstaltungen mit kompetenten Dozenten wie „Wölfe im Schafspelz“ mit Helge von Horn, gelang es viele Mitbürger und vor allen Dingen auch Jugendliche aus Echzell und Umgebung über die wahren Absichten von Neonazis aufzuklären.

Vertreter der Grätsche wurden auch von den politischen Organen der Gemeinde gehört, das Ergebnis: Am 21. Juni 2010 verabschiedete das {gallery alignment=left-float}pressemitteilungen/pics/resolution.jpg{/gallery} Gemeindeparlament von Echzell einstimmig eine Resolution gegen Rechtsextremismus. Nach einem erneuten Übergriff der Rechtsradikalen auf einen Nachbarn, der sogar gefilmt wurde und mit hämischen Kommentaren auf YouTube veröffentlicht wurde, gab es ein enormes Presseecho. Der HR berichtete in der Maintower-Sendung und in der Hessenschau über die Vorfälle in Echzell. In diesem Zusammenhang wurde immer wieder auf die Arbeit der Grätsche hingewiesen und es wurden Pressemitteilungen unter der Überschrift: „Echzell ist kein braunes Nest“, herausgegeben.

Der Höhepunkt der seitherigen Arbeit war ein Festival, das Ende August 2010 unter dem Motto:  {gallery alignment=right-float}pressemitteilungen/pics/ausstellung.jpg{/gallery} Gemeinsam gegen Rechtsaußen abgehalten wurde. Den Organisatoren unter Federführung der Grätsche ist es gelungen fast alle Vereine der Gemeinde zu aktivieren und ein buntes Programm für alle Altersstufen zusammen zu stellen. Ziel war es, die breite Bevölkerung in Echzell für die Problematik zu sensibilisieren und neben Aufklärungsarbeit das Gemeinschaftsgefühl bei Sport, Spiel und Musik zu stärken.

Rund 900 Besucher, darunter auch hochrangige Politiker aus dem hessischen Landtag, {gallery alignment=left-float}pressemitteilungen/pics/unterstuetzer.jpg{/gallery} der Landrat, der Echzeller Bürgermeister und viele mehr, erklärten ihre Verbundenheit mit den Zielen der Grätsche und unterschrieben die Resolution gegen Rechtsextremismus, die jedermann mit unterschreiben konnte. Der HR berichtete über die Veranstaltung in der abendlichen Hessenschau.

Angespornt durch diese Erfolge wurde die Bürgerinitiative in einen eingetragenen Verein umgewandelt, hierdurch wurde eine klare Organisationsstruktur geschaffen und gleichzeitig durch die Gemeinnützigkeit die Möglichkeit gewonnen, Spendenbescheinigungen ausstellen zu können.

Die Vereinsgründung erfolgte im Oktober 2010. Mittlerweile hat sich die Mitgliederzahl mehr als verdoppelt. Besonders freuen wir uns über die Mitgliedschaften der Gemeinden Florstadt, Reichelsheim, Wölfersheim und Echzell. Gemeinsam mit diesem Kommunen werden wir Projekte auf den Weg bringen und daran arbeiten Rassismus und braunem Gedankengut keine Chance zu geben.

Zahlreiche Projekte folgten nach der Vereinsgründung: Eine Vorlesereihe „Der Junge im gestreiften Pyjama“ von John Boyne, gelesen von Wulf Hein in der Gemeindebibliothek in Echzell sowie eine Informationsveranstaltung über die rechtsextreme Schulhof-CD der Autonomen Nationalisten für Eltern und Berufstätige in pädagogischen Bereichen. Die Arbeit der Grätsche zeigt bereits messbare Erfolge, das Tattoo-Studio wurde verlegt, die Belästigungen durch Partylärm und wilde Autofahrten haben nachgelassen und bei der letzten Kreistagswahl hat sich der Stimmenanteil für die rechtsextremen Parteien weiter verringert.

 

 

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